Den ersten Teil unseres Interviews mit Sascha und Robert von Grape of the Art und Armagnac.de lest ihr hier. Viel Spaß mit Teil zwei!

Wann steht die nächste Reise nach Frankreich an?

Robert: Unser nächster Trip ist für Ende Oktober geplant.

Sascha: Die Anfahrt ist aber jedesmal echt komplex und langwierig. Mit dem Auto fährt man von Stuttgart zwischen 12 und 14 Stunden im normalen Verkehr. Früher gab es mal einen Direktflug von Stuttgart nach Bordeaux, heute aber leider nicht mehr.

Wie läuft das eigentlich? Schicken euch die Produzenten das Fass oder wird das vor Ort in Flaschen abgefüllt?

Sascha: Bisher haben wir alle Releases direkt bei den Produzenten abfüllen lassen. Die ersten vier Fässer haben wir sogar selbst mit den Produzenten vor Ort abgefüllt. Auch die Cognacs werden vor Ort abgefüllt – das Labeling machen wir dann selbst in Stuttgart. Das wird dann in Zukunft auch unser Standardprozess werden. Wir schicken unsere Flaschen, Korken und Kapseln hin und die Produzenten füllen das Fass ab und schicken uns die Flaschen versiegelt wieder zurück.

Wäre aber auch mal spannend so ein altes Armagnacfass da zu haben und es neu zu befüllen… 

Sascha: Auch ältere Fässer haben für die Produzenten noch eine hohe Bedeutung, da sie regelmäßig wiederverwendet werden. Ein Armagnac liegt nicht immer 20 Jahre im selben Fass, sondern es findet, je nach Reifegrad und Toast, auch des Öfteren ein Wechsel statt. Üblicherweise reift ein frischer Armagnac 6 bis 24 Monate in einem frischen Fass und wird dann in ein Gebrauchtes umgelagert, um den Fasseinfluss besser steuern zu können.

Wie schätzt ihr generell den Markt für Armagnac in Deutschland ein? Denkt ihr, hier ist mit einem Wachstum zu rechnen?

Robert: Es ist schwer zu sagen, wie sich ein Markt entwickeln wird, ohne hunderte von Faktoren zu berücksichtigen. Fakt ist, dass die steigende Inflation viele Investoren dazu getrieben hat, ihr Portfolio um Whisky – und seit einiger Zeit auch um Rum – zu erweitern. Das geringe Angebot und die hohe Nachfrage haben hier die Preise bereits mächtig anziehen lassen, was vielen Genießern im High End Bereich teilweise die Lust am Trinken vermiest hat. Schon heute schauen sich viele Genießer nach günstigeren Alternativen um und werden im Armagnac und Cognac fündig, wo es noch alte Jahrgänge in Fassstärke zu fairen Preisen gibt. Die Tendenz wird unserer Meinung noch weiter zunehmen. Abzuschätzen, mit welcher Geschwindigkeit und in welchem Ausmaß das geschehen wird, wäre aber reines Glaskugellesen.

Empfindet ihr Cognac tatsächlich noch als fair bepreist? Wir waren mal bei einem Tasting eines großen Cognac Hauses und da waren die Preise der gehobeneren Abfüllung schon sehr stattlich.

Sascha: Hier muss man meiner Meinung nach klar unterscheiden. Gerade bei den großen Häusern ist das Preis-Leistungsverhältnis schwierig und die Produkte oft nicht das, was ein Whisky- oder Rum-Enthusiast sucht. Aber es gibt auch sehr viele kleine, handwerkliche Produzenten mit sehr spannenden Produkten, welche allerdings ähnlich wie Armagnac noch recht unbekannt sind. Diese Produzenten machen oft ihr eigenes Ding und haben festgestellt, dass man auch mit Nischenprodukten und -stilen, plus einer ansprechenden Social-Media-Präsenz, das Interesse bei vielen Genießern entfachen kann. Schöne Beispiele hierzu wären die Domains Jean-Luc Pasquet, Vallein Tercinier, Betrand, Boujou, Jean Fillioux, Lhéraud und viele mehr. Hier findet man noch ein extrem gutes Preis-Leistungsverhältnis – vor allem bei älteren 60er-80er Jahrgängen, für welche man bei Whisky oder Rum heute oftmals das Zehnfache bezahlen muss.

Sofern man ihn überhaupt noch bekommt…

Robert: Richtig! Das kommt noch erschwerend dazu. Ich fand Cognacs, zumindest was ich bisher gekostet habe, immer überteuert.

Sascha: Das war lange auch mein Bild. Es ist ja leider nicht so, dass man einen beliebigen Onlineshop besucht, “Cognac” eingibt und dann genau das findet, was man haben möchte. Glücklicherweise gibt es mittlerweile genug Shops mit einer guten Auswahl von handwerklichem Cognac, bei denen das PLV mehr als nur passt.

Und warum denkt ihr, werden die Armagnacs gerade von den Rumfans so gefeiert?

Robert: Ich glaub das liegt vor allem daran, dass bestimmte Armagnac-Stile mit ihren Assoziationen von exotischen Früchten, Schokolade und Klebstoff einigen Guyana oder Trinidad Rums – und auch so manchem Rhum Agricole – in Ihrer Aromatik sehr stark ähneln. Selbstverständlich kommt die Traube beim Armagnac am Ende doch meistens durch, aber solche Ähnlichkeiten helfen beim Einstieg in die Materie, wenn man aus der Rumszene kommt. Wenn man nun berücksichtigt, dass manche der besagten Rums heute zu sehr hohen Preisen kursieren, dann bieten genau diese Armagnacs eine wundervolle Genussalternative. Man muss aber klar sagen, dass diese Ähnlichkeiten nur auf ein paar bestimmte Armagnac-Stile zutreffen. Die Vielseitigkeit in der Region ist riesig und wir konnten bereits richtig abgefahrene Stile probieren und entdecken. Da ist definitiv für jeden Geschmack was dabei! Unser GotA-Anspruch ist es, euch so viele Stile wie möglich zeigen!

Über Facebook und Instagram konnte man eure Reise nach Frankreich verfolgen. Welche Domain hat euch besonders fasziniert und gab es Fässer, die ihr gern gehabt hättet, aber nicht bekommen habt?

Sascha: Das ist schwer zu beantworten, aber wie bereits erwähnt, hat bei uns die Domain Séailles einen sehr prägenden Eindruck durch die tolle Atmosphäre hinterlassen. Aber grundsätzlich hat jede Domain ihren eigenen Charme, weil es sich meistens um sehr kleine und authentische Produzenten handelt, bei denen wir immer direkt mit den Besitzern oder einem Familienmitglied in Kontakt kommen. Eine echte Herausforderung war es, das “Le Frêche” Fass zu bekommen, da es sich um eine “Lost distillery” handelt, dort seit langer Zeit nichts mehr produziert wurde, und in den USA dazu ein extremer Hype entstanden ist.

Robert: Extrem begeistert hat uns auch eine Tour über zwei Tage mit einem der Gründer von L’Encantada, Vincent Cornu. Dabei wurde uns wirklich alles gezeigt, vom handwerklichen Fasshersteller Bartholomo über die eigenen Weinreben und deren Pflege, sowie mehrere Fasslager mit anschließenden Tastings. Das war wirklich sehr intensiv und unglaublich lehrreich. Dass wir letztes Jahr als Firma auch zum zehnjährigen Jubiläum von L’Encantada eingeladen wurden und mit deren Familie, Freunden, und Geschäftspartnern zusammen feiern durften, war für uns eine große Ehre!  

Zählt L’Encantada zu den großen Armagnacanbietern?

Sascha: Nein, sie gehören zu den kleineren Negociants und bauen ihren Stock sehr selektiv auf.  

Ok, mir begegnen die eigentlich sehr regelmäßig, deswegen dachte ich, die sind sehr groß…

Sascha: Bei der Marke kann man eigentlich schon von einem Hype sprechen. Vor allem in den USA. Es gibt einige Abfüllungen von L’Encantada die aromatisch in eine sehr alte Bourbon- und Rye-Richtung gehen. Und das lieben die Amerikaner. Deswegen sieht man die Marke sehr oft in den entsprechende Foren, wie zum Beispiel bei der englischsprachigen Facebook-Gruppe „Serious Brandy“.

Welchen Armagnac würdet ihr in einen Drink geben, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben?

Sascha: Von “Le Basque” haben wir jetzt mehrere Abfüllungen neu im Shop, die alle im Preisbereich zwischen 40 und 55€ liegen und sich bestens für Drinks anbieten. Vor allem den 2003er Jahrgang kann ich sehr empfehlen, weil er meiner Meinung nach ein absoluter Preis-Leistungskracher ist – vor allem für Einsteiger, weil er leicht auf 46% reduziert wurde. Bei den Blanche wird sich jetzt auch noch sehr viel tun. Da kommt zum Beispiel eine Abfüllung mit 59,8% direkt in Destillationsstärke. Der wird extrem gut in Cocktails funktionieren.

Welchen Drink kannst du uns mit Armagnac empfehlen?

Sascha: Ein Sour geht immer, vor allem mit den Blanche. Aufgrund der Verwandtschaft sind auch Pisco Cocktails sehr spannend. Ich muss aber auch ehrlich sagen, dass mir bisher die Zeit gefehlt hat, da noch mehr zu experimentieren – aber ich feile gerade an ein paar Rezepten. Bei den gelagerten Sachen bin ich beim Old Fashioned oder Sazerac.

Was kommt euch sonst noch ins Glas, wenn es nicht Armagnac ist?

Robert: Meine Hausbar ist extrem breit aufgestellt. Wenn ich keinen Armagnac im Glas habe dann greife ich sehr gern zu einem alten Demarara Rum oder auch zu leicht rauchigen Single Malts. Ich komme ja ursprünglich aus der Whiskyszene und habe über viele Jahre auch bevorzugt stark rauchige Whiskys getrunken, aber zur Zeit überwiegen Armagnac und R(h)um bei mir sehr stark. Leo aus unserem Team ist zum Beispiel auch ein absoluter Bourbon-Aficionado und Christian genießt neben Rum, Armagnac und Cognac auch sehr gerne Single Malt Whisky. 

Wie definierst du als Whiskynerd leicht rauchigen Whisky? Speyside? 

Robert: Nein, das wären für mich z.B. Talisker oder Springbank. In der Speyside gibt es aber tatsächlich auch ein paar leicht rauchige Vertreter, wie z.B. Benromach, die ich auch sehr mag. In der Speyside finde ich grundsätzlich Glendronach sehr gut. Von Islay bevorzuge ich die Brennerei Lagavulin, aufgrund ihrer perfekten Balance aus Rauchigkeit, Getreide- und Zitrusnoten.

Lagavulin und Talisker finde ich schon ziemlich rauchig….

Robert: Das liegt natürlich immer an der Perspektive (lacht). Beim Whisky habe ich wie bei allen Spirituosen mit den Extremen angefangen. Beim Rum waren zum Beispiel High-Ester Marken wie Hampden und Worthy Park die ersten Berührungspunkte. Und irgendwann suchte ich dann die Balance und Ausgewogenheit. Nach oben sind die Grenzen aber noch sehr weit offen. Wenn man dagegen einen Port Charlotte oder Octomore probiert, ist in Bezug auf Rauch nochmal deutlich mehr los. Für mich fühlt sich rauchiger Whisky nach wie vor wie ein wohliges „Heim-Kommen“ nach einer langen Reise an. Ich war auch schon mehrfach in Schottland und versuche mindestens einmal im Jahr dorthin zu reisen.

Sascha: Bei mir ist es Rhum Agricole, der nach den klassischen Einsteigerrums der erste richtige Rum war mit dem ich mich beschäftigt habe. Dieser Stil ist auch heute noch mein Favorit, auch wenn ich natürlich andere Rums wie Jamaikaner, Caroni oder auch Demerara Rums sehr lecker finde. Wenn ich aber gemütlich was trinken möchte, greife ich zu einem Agricole.

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