Um wohl kaum eine Brennerei ranken sich so viele Mythen wie um die Caroni Distillery. Jene Destillerie auf Trinidad, die 1918 eröffnet wurde und im Laufe der Geschichte mehrfach ihren Besitzer wechselte, bis sie schließlich 2002 in Folge des weltweiten Zusammenbruchs des Zuckermarktes geschlossen wurde. Das geschah, weil nicht mehr genügend Geld verdient wurde. Zigtausende Menschen verloren daraufhin ihren Job.

Das ist insofern tragisch, weil die mittlerweile streng limitierten Caroni-Rums heute zu den teuersten Flaschen überhaupt zählen. Die UVP einer neuen Flasche liegt mittlerweile bei rund 500 Euro, bei Ebay und Co. gehen sie aber üblicherweise für mehr als das Doppelte über den Tresen. Bei Caroni ist es ein wenig wie in der Kunst: Zu Lebzeiten verpönt, nach dem Tode gefeiert. 

Nun kamen vor einiger Zeit die Caroni Employees 4th & 5th Releases auf den Markt. Die waren natürlich ruckzuck in den gängigen Online-Shops vergriffen. Alle sechs Flaschen zu erhalten war quasi ein (teures) Ding der Unmöglichkeit. Umso erfreuter war ich über die Aktion des Rum-Depot: Statt die Flaschen einzeln zu verkaufen, beschlossen Dirk Becker und Stefan Brinkmann, einige zu versampeln. Am Ende wurden 35 Tasting-Sets mit jeweils 6x 2 cl abgefüllt. Preis: 150 Euro.

Viel Geld für wenig Rum. Aber auf den Sekundärmärkten müsste man für alle 6 0,7-Liter-Flaschen mehr als 10.000 Euro hinlegen. Also griff ich bei den 150-Euro-Kostproben zu.

Im Tasting erwarteten mich folgende sechs Rums: 

  • Caroni 1998 / 2020 Balas Bhaggan (68,4%)
  • Caroni 1998 /2020 Dayanand Balloon (68,3%)
  • Caroni 2000 / 2020 Basedo Ramsarran (64,3%)
  • Caroni 1996 / 2021 Dhanraj Maharaj (66,3%)
  • Caroni 1996 / 2021 Deodat Manmohan (66,7%)
  • Caroni 1996 / 2021 Roopnarine Toolsie (66,1%)

Alle weisen eine alkoholische Stärke von weit über 60 Volumenprozent auf. “Das ist kein Kinderspielzeug”, erklärte Dirk Becker direkt zum Auftakt. Wo er recht hat, hat er recht!

Caroni 1998 / 2020 Balas Bhaggan

Im Glas bin ich zunächst überrascht: In diesem Caroni rieche ich ausgeprägte fruchtige Noten, das verbinde ich nicht unbedingt mit der Marke. Es schwingt zur Ehrenrettung aber auch ein Hauch Maschinenhalle mit, aber wirklich nur subtil. Stellt euch vor, ihr würdet eine Mandarine nachts an einer Tankstelle schälen. Im Mund schmecke ich deutlich verbrannten Zucker, etwas Lakritz und viel Holz. Insgesamt bleibt der Rum nur so mittellang auf der Zunge. Auch nach mehr als einer Stunde im Glas bleiben die Fruchtnoten. Für die krassen Caroni-Nerds ist der 1998er Balas Bhaggan vermutlich nichts. Er schlägt in keinem Extrem aus. Oder anders formuliert: Eigentlich ganz lecker.

– 84 Punkte –

Caroni 1998 /2020 Dayanand Balloon (68,3%)

Im Glas eingeschenkt ist er in der Nase zunächst extrem zurückhaltend, man findet nicht die Fruchtigkeit des ersten Caronis in diesem Tasting. Im Mund zunächst Süße, doch dann kommt immer mehr – etwas Dreck, Gewürze, Alkohol. Im Abgang dann eine deutliche Bitterkeit. Komplex, durchaus spannend, aber nicht mein Favorit – und für mich weit entfernt von den abgefeierten 94/100 Punkten, die in einigen Blogs vergeben werden. 

– 83 Punkte –

Caroni 2000 / 2020 Basedo Ramsarran (64,3%)

Uhh, das ist ein spannender Caroni. In der Nase rieche ich Menthol, Fichte, ätherische Öle. Im Mund ist das Aroma omnipräsent. Ich fühle mich an einen Erkältungsbonbon erinnert. Beim Einatmen wird der Mund geradezu gekühlt, was womöglich ein Trugschluss meiner Sinne ist, schließlich hab ich schon die dritte Fassstärke im Glas. Nein, Spaß beiseite, noch sind Zunge und Verstand hellwach. Zunächst fand ich den Rum zu einseitig, weil außer Menthol nicht viel passierte. Doch nach einer halben Stunde im Glas probiere ich noch einmal – und entdecke einen völlig veränderten Rum. Viel komplexer, die Fichte ist kaum noch präsent. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich schwören, einen ungewöhnlichen Uitvlugt im Glas zu haben (mehr zu Rum aus Guyana könnt ihr hier nachlesen). Der beste Rum bislang.

– 90 Punkte –

Halbzeit im Caroni-Tasting: Die ersten drei Rums waren allesamt spannend, doch nur einer hat mich wirklich begeistert. Deutlich wurde, dass diese Rums viel Zeit benötigen, um sich zu entfalten und sich mitunter krass drehen. Es wäre jedoch ein Fehler, sie einzugießen und erst einmal eine Stunde unangetastet atmen zu lassen. Am besten nippt man alle 15 Minuten am Glas, um die Eindrücke immer wieder abzugleichen. Nun geht es an die 1996er Caronis.

Maharaj Caroni

Caroni 1996 / 2021 Dhanraj Maharaj (66,3%)

Im Glas ist dieser Rum deutlich dunkler als die bisherigen. Auch hier rieche ich nicht viel Dreckiges, er ist geradezu weich. Hätte ich im Blindtest vermutlich nicht einem Caroni zugeordnet, wobei es den prototypischen Caroni ja gar nicht gibt. Es gibt so viele Varianten und Jahrgänge, dass eigentlich für viele Geschmäcker eine Abfüllung dabei ist. Hier schmeckt man weniger verbrannten Zucker, viel Kräuter. Zum Schluss sehr trocken. Nach einer Weile im Glas entfaltet er Aromen von dunkler Schokolade und Mokka. Auch dieser Rum profitiert von der längeren Zeit zum Atmen und gewinnt an Komplexität.

– 88 Punkte –

Caroni 1996 / 2021 Deodat Manmohan (66,7%)

In der Nase zeigt sich dieser Caroni zurückhaltend. Im Mund dagegen ist er schon sehr gefällig. Er ist extrem süß. Karamellllllll. Wenn man nicht wissen würde, dass Luca Gargano niemals künstlichen Zucker hinzugeben würde, nun, man könnte es hier fast in Frage stellen … Nach etwas Zeit im Glas wird dieser Rum immer weicher. Der Alkohol ist elegant eingebunden. Würde der Rum nicht ein kleines Vermögen kosten, würde dieser Caroni definitiv in meine Sammlung wandern. Er ist aber – so mein Eindruck – am wenigsten ein typischer Trinidad-Vertreter.

– 92 Punkte –

Caroni 1996 / 2021 Roopnarine Toolsie (66,1%)

Der letzte Rum im Tasting. Er fühlt sich ein wenig wie ein Mashup der vorherigen an: Eine Bitterseite von verbranntem Zucker und zugleich etwas Süße von Karamell. Dezent Menthol, aber nicht so krass wie Nummer drei. Gummi und etwas metallisch im Abgang. Auch hier ist der Alkohol sehr elegant eingebunden. Ein super Rum, aber nicht ganz so weit vorn dabei wie der Manmohan. 

– 91 Punkte – 

Fazit des Caroni-Tastings

Beeindruckend, wie unterschiedlich diese Caronis schmecken. Sie sind vielfältig in der Aromatik. Und es ist unglaublich krass, wie sehr sie sich sensorisch mit längerer Atmung verändern. Nummer drei etwa war anfangs so gar nicht mein Favorit, wurde mit der Zeit aber immer besser. Insgesamt ist der Caroni 1996 / 2021 Deodat Manmohan mein Sieger.

Was auffällt: Der 1996er Jahrgang schnitt durchgängig besser ab als die anderen. Ich kann nicht erklären, woran das liegt. Unwahrscheinlich, dass es an der minimal längeren Lagerung liegt. Vielleicht liegt es an der Gärung, womöglich war 1996 auch etwas anderes bemerkenswert – das weiß vermutlich nur Steffen Mayer (auch bekannt als Stefano Caroni). Er arbeitet derzeit an der Finalisierung seines Caroni-Buchs, auf dem German Rum Festival in Berlin hat er uns bereits einen kurzen Einblick gewährt. Nach diesem Tasting habe ich direkt noch mehr Lust auf die Lektüre. 

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