Australien ist ein Kontinent der Extreme. Es gibt dort riesige Wüsten und feuchte Regenwälder. Handtellergroße Insekten und knuffige Säugetiere. Kilometerlange Einsamkeit und dicht besiedelte Millionenmetropolen. Exzellenten Wein – und zunehmend auch hervorragenden Whisky. Zu den bekanntesten Destillerien des Landes zählen Sullivans Cove aus Tasmanien oder die Lark-Brennerei, die getorftes Malz verwendet. Doch seit Kurzem sorgt vor allem ein Name in der Szene für Furore: Starward.

Die Starward Distillery wurde 2007 von David Vitale in Melbourne gegründet. Und wie so viele gute Gründer-Geschichten beginnt auch diese mit einem Irrtum: Vitale war ein ausgesprochener Craft-Beer-Fan (streng genommen ist er es bis heute) und spielte zunächst mit dem Gedanken, eine Micro Brewery zu eröffnen. Er wollte Bier aus Melbourne in die gesamte Welt exportieren. Doch frisches Bier wie er es brauen wollte wäre nicht so haltbar gewesen. Ein Problem, für das es keine Lösung gab, weshalb er sich nach Alternativen umsah. Dabei stieß er auf Whisky.

Ein Whisky zum Dinner

Er stellte fest, dass Single Malt Whisky und Bier auf dem zweiten Blick mehr gemeinsam haben als er zunächst dachte – etwa die Zutaten oder die Fermentation. “Ich kam aus einer Welt mit einer Leidenschaft für Bier und entwickelte eine Leidenschaft für Whisky”, sagt Vitale in einem Gespräch mit deutschen Bloggern und Medienvertretern.

Doch Vitale wollte mit seinem Whisky nicht einfach ein Me-Too-Produkt aus Australien im Stil eines Scotch oder Bourbon auf den Markt bringen. Er wollte auch keinen verschnörkelten Single Malt entwickeln, der sich nur an Kenner richtet, die geübt mit Pipetten hantieren und über Fassstärken sinnieren. Für ihn stand der alltägliche Genuss im Vordergrund.

Das hat auch mit seinen Wurzeln zu tun: “Meine Eltern kamen aus Sizilien. Ein wichtiger Teil unserer Kultur ist die Liebe zum Essen. Für mich war es wirklich wichtig, Whisky in einem modernen Stil zu denken. Ich wollte keinen Whisky herstellen, den man nur nach dem Essen trinkt. Sondern einen, den man auch entspannt zum Essen trinkt.” Ein Einfluss sei auch die vielfältige Food-Szene Melbournes, die sich auch Küchen aller Länder zusammensetzt. Das zelebrieren von Whisky und Essen ist Teil der Unternehmens-DNA.

Starward ist ein Kind seines Kontinents

Starward – allein der Name klingt verheißungsvoll. Übersetzt bedeutet er so viel wie “empor zu den Sternen”. Ein überaus ambitioniertes Ziel. Aber so ist das, wenn man in einem an Superlativen nicht gerade armen Kontinent lebt. Dort entwickelt man zwangsläufig ein anderes Verhältnis zu Distanzen als wir im dicht besiedelten, kompakten Europa. Als ich vor einigen Jahren einen Outdoor-Trip im australischen Outback absolvierte, sagte der Guide ganz beiläufig, man solle sich nun lieber nicht ernsthaft verletzen, denn die nächste Stadt sei beinahe eine Tagestour entfernt. Doch in dieser Einsamkeit wird man nachts mit einem Blick in den Blick in die Milchstraße belohnt, bei dem man man tatsächlich glauben könnte, die Sterne seien lediglich ein paar Kilometer entfernt.

Doch zurück zum Whisky. “Scotch macht einen guten Job. Ich liebe Rye, ich liebe Bourbon. Und deshalb habe ich mich gefragt: Was soll australischen Whisky auszeichnen? Warum sollten wir in das Regal hinter jeder Bar?” Die Antwort fand Vitale in einer anderen Stärke des Kontinents: dem vielgeschätzten Wein. “Was uns wirklich faszinierte”, sagt Vitale, “war die Idee, dass wir australische Weinfässer nutzen könnten, um den Geschmack des Whiskys zu beeinflussen.”

Gesagt, getan. Damit der Starward-Whisky die für ihn typischen Aromen entwickelt, werden zur Reifung nur leicht verkohlte oder gedampfte Rotweinfässer genutzt, in denen zuvor Shiraz, Cabernet, Pinot Noir oder Apera, ein australischer Sherry, ruhten. Die Fässer stammen von führenden Winzern des Kontinents. “Die meisten Fässer sind noch regelrecht vollgesogen mit Wein, wenn wir sie bekommen”, sagt Vitale. “Ich rede so viel von Weinfässern, dass man denken könnte, ich wäre ein Winzer”, scherzt er.

Am Anfang habe er alle Fässer genommen, die er kriegen konnte. Aber im Laufe der Zeit habe er gemerkt, dass ein Weinfass einer hochwertigen Flasche, die im Fachhandel für 100 Euro verkauft werde, nicht zwingend mit Starward-Whisky funktioniere. Deshalb beschäftige man im Team mittlerweile eine Winzer, die das finale Blending übernehmen. Zudem tausche man sich viel mit den Weingütern aus, um besser zu verstehen, wie ihre Weine entstehen. “Der beste Wein macht nicht den besten Whisky. Es geht darum, wie das Fass behandelt wird.”

Die Starward Brennerei in Melbourne
Die Starward Distillery in Melbourne

Regionalität im Mittelpunkt

Die Starward-Destillerie befindet sich eine Meile vom Stadtzentrum Melbournes entfernt. Dort laufen sämtliche Produktionsprozesse – vom Mashing über die Destillation bis hin zum Aging – ab. Die größte Herausforderung sei derzeit nicht der Platz für die Produktion, sondern für die Lagerung der Fässer. Man habe nun ein weiteres, größeres Lagerhaus errichtet, um mehr Whisky lagern zu können, nun wo die Nachfrage in weiteren Ländern anziehe.

Vitale betont, dass Starward Whisky ausschließlich mit lokalen Zutaten hergestellt werde, deren Produzenten innerhalb einer Tagesreise von Melbourne aus zu erreichen seien. Da sind wir wieder bei den unterschiedlichen Verhältnissen von Distanzen in Australien. Schließlich kann man an einem verkehrsruhigen Tag in Deutschland von Hamburg nach München und zurück brettern.

Starward ist mittlerweile 14 Jahre alt. “Doch in der Whiskywelt sind wir immer noch ein Baby”, sagt Vitale. In dieser Zeit hat er mehrere Abfüllungen mit klangvollen Namen wie Two-Fold, Dolce oder Nova herausgebracht.

Tasting: So schmeckt Starward Left-Field

Die neueste Schöpfung ist Left-Field: Dabei handelt es sich um einen Ready-to-Drink-Whisky mit viel Charakter. Dafür setzt die Brennerei auf dunkles Gerstenmalz sowie auf dunkle Brauhefe. Die Destillation erfolgt im Pot-Still-Verfahren, darauf folgt eine drei- bis vierjährige Reifung in leicht ausgebrannten, zumeist aber unbehandelten Ex-Rotweinfässern aus französischer Eiche, die von führenden Weingütern des Barossa Valley und des Yarra Valley bezogen werden. Mit rund 30 Euro je 0,7-Liter-Flasche ist Left-Field die Einsteiger-Abfüllung.

Geruch:

In der Nase erschnüffelt man sofort viel Frucht, dazu blumige Noten und etwas Holz.

Geschmack:

Auch im Mund dominieren Fruchtnoten. Man schmeckt Kirsche, Beeren, dazu dunkle Noten von Schokolade, Malz und Röstnoten. Ganz dezent spüre ich etwas Pfefferminze. Im Abgang machen sich die Weinfässer bemerkbar. Allerdings ist die weinselige Fruchtigkeit nicht aufdringlich, sondern bewahrt eine gewisse, kantige Jugendlichkeit, die man vor allem beim Pur-Verkosten schmeckt. Der Left-Field ist mit 40 Volumenprozent abgefüllt. Man wolle einen komplexen, aber filigranen Geschmack, so Vitale. Der Whisky setzt noch mehr Aromen frei, wenn man ihn mit Wasser oder Tonic versetzt, dann kommen die Fruchtnote noch besser zum Vorschein.

Wer den Left-Field als ersten Whisky überhaupt trinke, sei meist “pleasantly surprised”, also positiv überrascht, so Vitale. Darauf hat er es auch angelegt. “Ich liebe getorften Whisky. Aber wer zuerst einen Laphroaig oder Lagavulin trinkt, kommt vermutlich nicht nochmal wieder. Das wollte ich nicht.”

Drinks:

Der Left-Field eigne sich zum Pur-Trinken und als Hauptspirituose in Drinks. Neben einem Old Fashioned (unsere Rezept-Empfehlung mit selbstgerechten Rotwein-Sirup findet ihr hier) kann man damit auch einen tollen Manhattan, Rob Roy oder einen Whisky Negroni zubereiten. In Melbourne würden in den Bars aber auch viele einen Left-Field & Tonic bestellen, erklärt der Gründer.

Starward Left-Field im Glas
Starward Left-Field im Glas

Melbourne und die vier Jahreszeiten an einem Tag

Auffällig sind bei Starward die geringen Lagerzeiten. Drei bis vier Jahre Reifung sind eigentlich keine nennenswerte Zeit in der Welt der Whisk(e)ys. Als Ardbeg im vergangenen Jahr mit dem Wee Beastie seine neue fünfjährige Standardabfüllung auf den Markt brachte, rümpften einige die Nase. Acht bis zehn Jahre gelten als solide Grundlage für viele Single Malte.

Doch für Vitale sagt die Zahlen alleine nichts aus. Das regionale Klima präge das Fass entscheidend: “Ihn länger liegen zu lassen sorgt in Melbourne für keinen besseren Whisky. In der Regel lagern wir für drei bis vier Jahre.” Denn je länger der Whisky im Fass bleibt, desto länger hat er Kontakt mit der Eiche. “Wir wollen eine Balance zwischen dem großartigen Destillat, das wir produzieren, dem Wein und der Eiche. Wenn wir zu lange lagern, wird die Eichennote zu stark betont – und die Balance verschwindet.”

Dass drei bis vier Jahre Reifungszeit ausreichend sind liegt auch an der Stadt Melbourne. In der Stadt erlebe man vier Jahreszeiten an einem Tag, erklären die Einheimischen gerne. Es kann vormittags also sehr heiß und trocken werden und innerhalb weniger Stunden wird es kühl und es kommt zum Wolkenbruch.

Starward: Das Klima und die Fässer

“Melbourne befindet sich im Südosten Australiens. Hier gibt es die heißen, trockenen Winde des Outbacks im Landesinneren. Aber wir haben noch eine andere Wüste, die nicht so weit weg ist – die Antarktis. Wenn der Wind wechselt, gelangt sehr schnell kalte, feuchte Luft in die Region. Das kann innerhalb von Stunden Temperaturstürze von 10 Grad verursachen. Das macht viel aus. Aus Sicht eines Whiskyproduzenten bedeutet das, dass die Fässer permanent arbeiten. Ich würde sogar behaupten, nirgendwo arbeiten die Fässer mehr als bei uns. Die Bedingungen sind extrem, von heiß und trocken zu kalt und feucht.” Ein Vergleich der Lagerzeiten etwa zwischen Schottland und Australien sind aufgrund der äußeren Umstände nicht möglich.

Eine weitere Besonderheit: “Wir befüllen unsere Fässer mit einem niedrigeren Alkoholgehalt”, sagt Vitale. In Schottland sei es üblich, Whisky mit mehr als 63 Prozent in die Fässer zu geben, Starward beschränkt sich auf 55 %vol. “Einige finden es verrückt, dass wir das Wasser am Anfang und nicht am Ende hinzugeben, schließlich ist das teurer. Aber meiner Meinung nach ist das Ergebnis gefälliger.”

David Vitale liebt das Experiment

Starward hat bereits unterschiedliche Abfüllungen auf den Markt gebracht. In Zukunft wird es weitere geben, unter anderem Single Casks von ausgewählten Weingütern. Doch man werde der Linie treu bleiben. ”Wird sind sehr fokussiert auf einen einzigen Stil. Aber in diesem einen Stil gibt es unglaublich viel Spielraum: Shiraz mit French Oak oder mit American Oak. Es kann ein getoastetes Fass oder ein Weissweinfass genutzt werden. Wir haben so viele Möglichkeiten, neue Geschmäcker zu entdecken und können die DNA der Kern-Range neu justieren. Wir können aber auch sonderbare, schrullige Experimente wagen.”

So erweiterte die australische Starward-Brennerei ihre Produktpalette neben dem Two-Fold oder dem Nova um die sogenannten “Starward Whisky Projects”. Das sind limitierte Abfüllungen mit besonderen Fassreifungen. Der Dolce etwa erhielt ein Finish in Dessertweinfässern. Ungewöhnlich ist das Project Ginger Beer: Dafür wurden zum Finish Fässer der Boatrocker Brewery genutzt, in denen zuvor Ginger Beer lagerte, welches unter anderem mit frischem Ingwer und Zitronengras aromatisiert wurde. “Das ist ein großartiger Whisky”, schwärmt Vitale. „Wenn man kein Ingwer mag, dann ist der natürlich nichts. Aber falls doch, kann man damit den besten Old Fashioned der Welt machen.”

Man darf gespannt sein, was für ungewöhnliche Abfüllungen in Zukunft in Australien abgefüllt werden.

Lest auch:

Stauning Whisky: Dänische Delikatessen

Salzatal Whisky – Der Fassflüsterer vom Süßen See

Was man als Rum-Liebhaber über Guyana wissen sollte

„The Dickensian Villain“ – Winter-Cocktail mit Karibikflair

Transparenz-Hinweis: Die Flasche wurde mir dankenswerterweise vom deutschen importeur Kirsch Whisky zur Verfügung gestellt. Dabei wurde weder auf den Artikel noch auf das Tasting Einfluss genommen.

Der La Mancha Roja mit Patron Tequila

Abonniert unseren Newsletter

Wir schicken euch unsere Spirituosen-Tests, Lieblingsrezepte und Hintergrund-Artikel bequem und direkt in euer Postfach. Kein Spam. Versprochen.

Du hast den Newsletter erfolgreich abonniert

Pin It on Pinterest

Share This