Der Hirsch geht in die Dose. Ab Anfang Februar 2027 bringt Jägermeister mit Cola-Orange erstmals einen trinkfertigen Mix unter seiner Kernmarke auf den deutschen Markt. Der neue Drink kombiniert laut Hersteller den bekannten Kräuterextrakt mit Cola und fruchtigen Orangennoten. Er enthält 10 Prozent Alkohol und kommt in einer 250-Milliliter-Slim-Dose in den Handel. Verkauft werden soll er bundesweit bei teilnehmenden Händlern und an Convenience-Verkaufsstellen, etwa dort, wo man Getränke für unterwegs kauft.
Die Verpackung ist für Jägermeister neu. Bislang wurde die Marke vor allem als eisgekühlter Shot oder als Zutat für Longdrinks verkauft. Nun soll der Mix ohne Flasche, Cola und Glas funktionieren. Die interessante Frage lautet deshalb nicht nur, was in der Dose steckt, sondern warum Jägermeister ausgerechnet jetzt in dieses Geschäft einsteigt.
Ein wachsender Markt, während klassische Spirituosen verlieren
Die Zahlen liefern einen guten Grund. Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel einschließlich Discountern stieg der Absatz trinkfertiger Spirituosen-Mixgetränke 2025 laut Circana um 7,3 Prozent. Der Umsatz kletterte um 5,9 Prozent auf knapp 473 Millionen Euro. Klassische Spirituosen verloren im selben untersuchten Handelssegment 5,3 Prozent Absatz. Die Daten stammen aus der Datenbroschüre 2026 des Bundesverbands der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure (BSI). Fachhandel und Gastronomie sind in diesem Vergleich nicht enthalten.
Auch international bleibt Ready-to-Drink, kurz RTD, auf Wachstumskurs. Eine aktuelle Untersuchung des Marktforschers IWSR zeigt allerdings Unterschiede: Während etablierte Märkte stärker von Stammkunden leben, kommen in Deutschland besonders viele Neulinge dazu. Zwölf Prozent der deutschen RTD-Käufer hatten 2026 erstmals zu einem solchen Produkt gegriffen, gegenüber vier Prozent im Schnitt der zehn untersuchten Märkte. Warum Deutschland beim Fertigcocktail-Geschäft noch aufholen muss, haben wir bereits ausführlicher beschrieben.
Für Jägermeister eröffnet das eine zusätzliche Möglichkeit: Die Marke muss nicht darauf warten, dass jemand eine ganze Flasche Kräuterlikör kauft. Eine einzelne Dose passt zu anderen Kaufentscheidungen und zu anderen Gelegenheiten. Ob daraus tatsächlich neue Käufer werden oder nur bestehende Fans zum Zweitprodukt greifen, ist freilich noch offen.
Jack Daniel’s, Bacardí und Havana Club sind längst da
Jägermeister betritt kein leeres Regal. Jack Daniel’s & Coca-Cola startete im September 2023 in Deutschland. Die Partnerschaft von Brown-Forman und Coca-Cola brachte den bekannten Whiskey-Cola-Longdrink mit zehn Prozent Alkohol in die 330-Milliliter-Dose, auch in einer Zero-Variante. Bacardí & Coca-Cola folgte im Mai 2025. Beide Kooperationen setzen darauf, dass Kunden die Kombination schon von der Bar kennen. Sie müssen ihnen keinen neuen Drink erklären, sondern nur die Dose verkaufen.
Noch näher an Jägermeisters Idee liegt Havana Club Spezi. Pernod Ricard brachte den Mix aus Rum, Cola und Orange im Februar 2026 in Deutschland auf den Markt. Die 330-Milliliter-Dose enthält ebenfalls zehn Prozent Alkohol; die unverbindliche Preisempfehlung zum Start lag bei 2,99 Euro. Anders als Jägermeister nutzt Havana Club dafür eine offizielle Markenpartnerschaft mit dem Augsburger Brauhaus Riegele, dem Inhaber der Spezi-Markenrechte.
Damit ist Cola-Orange als Spirituosenmix keineswegs Neuland. Jägermeister verzichtet nach den bisher veröffentlichten Informationen auf einen prominenten Limonadenpartner. Stattdessen soll der hauseigene Kräutercharakter den Unterschied machen. Das ist zumindest ein klarerer Wiedererkennungswert als der nächste Rum-Cola-Mix. Wie gut die Rechnung geschmacklich aufgeht, lässt sich vor dem Verkaufsstart nicht beurteilen.
Warum haben die neuen Dosen genau zehn Prozent Alkohol?
Die Zahl fällt auf. Sowohl Jack Daniel’s & Coca-Cola als auch Havana Club Spezi liegen bei zehn Volumenprozent. Jägermeister Cola-Orange ebenfalls. Dahinter steckt zumindest eine steuerlich relevante Grenze: Die deutsche Alkopopsteuer gilt für bestimmte spirituosenhaltige Fertigmischungen mit weniger als zehn Prozent Alkohol. Bei exakt zehn Prozent greift diese zusätzliche Steuer nicht. Die reguläre Alkoholsteuer bleibt davon unberührt.
Dass die Abfüllstärke aus steuerlichen Gründen gewählt wurde, ist unsere Interpretation. Der gemeinsame Wert der Produkte zeigt aber, wie eng Rezeptur, Preisgestaltung und Regulierung in dieser Kategorie zusammenhängen. Für den Vergleich im Kühlregal dürfte auch die Packungsgröße wichtig werden: Die neue Jägermeister-Dose fasst 250 Milliliter, die genannten Konkurrenzprodukte jeweils 330 Milliliter. Einen Verkaufspreis hat das Unternehmen bislang nicht genannt.
Jägermeister hat mit Orange bereits einen Treffer gelandet
Der Schritt kommt nicht aus heiterem Himmel. Der Konzern hat zuletzt gezeigt, dass sich sein Markenname auch abseits des klassischen Kräuterlikörs erfolgreich nutzen lässt. Jägermeister Orange erhielt 2026 einen Innovationspreis von NielsenIQ. Die fruchtigere Likörvariante ist seit April 2025 in Deutschland erhältlich und hat nach Unternehmensangaben inzwischen weltweit mehr als fünf Millionen Flaschen verkauft.
Auch das Kerngeschäft entwickelte sich zuletzt besser als der Branchentrend. Mast-Jägermeister meldete für 2025 einen Absatzanstieg der Kernmarke um 7,7 Prozent auf 117,6 Millionen Flaschen, umgerechnet auf 0,7 Liter. Der Konzernumsatz erreichte 882 Millionen Euro. Die Cola-Orange-Dose ist damit weniger ein Rettungsversuch als der nächste Versuch, die Marke über den Shot hinaus im Alltag der Käufer zu verankern. Wie sich Ready-to-Drink-Produkte vom Alcopop zum eigenen Marktsegment entwickelt haben, ist inzwischen eine Geschichte für sich.
Wie sieht die Dose aus, und was kostet sie?
Beides bleibt vorerst unbeantwortet. Jägermeister hat weder ein Produktfoto der neuen Cola-Orange-Dose noch einen Preis veröffentlicht. Auch detaillierte Angaben zur Zusammensetzung stehen noch aus. Das Unternehmen kündigt weitere Informationen und Pressematerial für Januar 2027 an. Ein festes Datum innerhalb des angekündigten Verkaufsstarts Anfang Februar gibt es bisher ebenfalls nicht.
Quellen
Produktankündigung: Mast-Jägermeister über about-drinks (6. November 2026). Marktdaten: BSI-Datenbroschüre 2026, auf Basis von Circana und IWSR RTDs Strategic Study 2026. Wettbewerber: Brown-Forman, Coca-Cola Deutschland und Pernod Ricard Deutschland. Geschäftszahlen: Mast-Jägermeister, März 2026.
Titelbild: Mast-Jägermeister Deutschland GmbH, Archivaufnahme.