Der Tom of Finland Wodka stand ewig in meinem Schrank herum. Ich mixe mir selten Wodka-Cocktails, zugegeben, selbst meinen Espresso Martini mixe ich mit Rum. Wer meine Martini-Beichte gelesen hat, kennt meine Vorlieben. Der Name auf der Flasche sagte mir nichts, der Mann mit dem Schnauzbart auf dem Etikett auch nicht. Dann fing ich an zu recherchieren.
Schon beim Equiano Rum war die Geschichte hinter dem Namen mindestens so interessant wie der Inhalt der Flasche. Beim Tom of Finland Vodka ging es mir ähnlich. Deshalb gibt es hier einmal kein ausführliches Tasting, sondern die Geschichte eines Zeichners, dessen Männerbilder weit über die Kunstwelt hinaus wirkten.
Wer war Tom of Finland?
Tom of Finland hieß bürgerlich Touko Laaksonen und lebte von 1920 bis 1991. Seine homoerotischen Zeichnungen zeigen Holzfäller, Matrosen, Polizisten und Biker in Leder. Breite Schultern, enge Hosen, kräftige Schnauzbärte. Seine Männer genießen ihre Sexualität sichtbar und mit Freude. In einer Zeit, in der Homosexualität vielerorts strafbar war, gab er schwulen Männern selbstbewusste Bilder ihrer eigenen Lust. Seine Figuren prägten die schwule Lederkultur und beeinflussten Künstler und Modedesigner.
Lange verdiente Laaksonen sein Geld in der Werbung, unter anderem bei McCann in Helsinki. Ende 1956 schickte er einige seiner privaten Zeichnungen an das amerikanische Muskelmagazin „Physique Pictorial“, signiert mit „Tom“. Im Frühjahr 1957 landete ein lachender Holzfäller auf dem Titel. Herausgeber Bob Mizer machte aus dem Zeichner „Tom of Finland“. Bis er von seinen erotischen Arbeiten leben konnte, dauerte es trotzdem: Erst 1973 gab er seinen Werbejob auf. Die Biografie der Tom of Finland Foundation erzählt diesen Weg ausführlicher.
Später war Laaksonen mit Robert Mapplethorpe befreundet, dessen Arbeit er auch beeinflusste. Heute gehören seine Zeichnungen unter anderem zur Sammlung des Museum of Modern Art in New York. Das Helsinkier Museum Kiasma widmete ihm 2023 die Ausstellung „Bold Journey“, die seine sechs Jahrzehnte umfassende Laufbahn nachzeichnete.
1984 gründete er mit Durk Dehner die Tom of Finland Foundation, um sein Werk zu bewahren. Die Stiftung weitete ihre Arbeit später auf die Förderung erotischer Kunst aus. Dehners Haus in Echo Park, Los Angeles, wurde als TOM House zum Treffpunkt für Künstler und zum Sitz der Stiftung. Laaksonen verbrachte dort in seinem letzten Lebensjahrzehnt die Winter. Er starb am 7. November 1991 in Helsinki.
Der Streit um Toms Erbe
Heute wird um dieses Erbe gestritten. Im Januar 2025 trat Dehner als Präsident der Stiftung zurück, nachdem Fotos von ihm mit Nazi-Symbolen öffentlich geworden waren. Zuvor hatte ihn der Wettbewerb International Mr. Leather als Juror ausgeschlossen. Dehner entschuldigte sich laut dem damaligen Bericht von Out für die Folgen seines Verhaltens für die Stiftung. Diese distanzierte sich von den Symbolen und erklärte, sie habe davon nichts gewusst.
Im September 2026 gab der Vorstand bekannt, die Stiftung werde das TOM House verlassen und ihre Sammlung in ein professionelles Kunstdepot verlagern. Das Artist-in-Residence-Programm pausiert. In seiner öffentlichen Stellungnahme zum Auszug nennt der Vorstand finanzielle Engpässe, verzögerte Mietzahlungen und ungeeignete Bedingungen für die dauerhafte Aufbewahrung der Kunst. Demnach habe der Hauseigentümer über Anwälte die Räumung verlangt. Es geht damit um einen Konflikt zwischen Stiftung und Vermieter, der zugleich ihr Mitgründer ist.
Dehner und ehemalige Mitarbeiter kritisieren den Kurs des Vorstands. 41 frühere Stipendiaten haben in einem offenen Brief mehr Transparenz über die unterbrochenen Programme verlangt, wie ein von AWorkstation wiederveröffentlichter ARTnews-Bericht vom 16. Oktober 2026 schildert. Wie die Künstlerförderung weitergeht, ist Ende Oktober 2026 offen.
Und was steckt im Tom of Finland Vodka?
Hergestellt wird der Wodka bei Lignell & Piispanen, einem finnischen Familienunternehmen, dessen Geschichte bis 1852 zurückreicht. Laut Produktbeschreibung der Marke verwendet Master Distiller Mika Mönkkönen Bio-Weizen und Bio-Roggen. Der Wodka wird fünfmal destilliert und durch Schichtenfilter statt durch Aktivkohle gefiltert. Zucker oder andere Zusätze kommen nach diesen Angaben nicht hinein; abgefüllt wird mit 40 Prozent Alkohol.
In Großbritannien kam der Wodka 2017 auf den Markt, zeitlich passend zu Dome Karukoskis Spielfilm „Tom of Finland“. Ein Teil der Einnahmen aus jeder Flasche soll laut Marke an die Tom of Finland Foundation gehen. Einen konkreten Prozentsatz nennt die Produktseite nicht. Hinter dem Schnauzbart steckt also auch eine Verbindung zu der Organisation, die sein Werk bewahren soll.