Die Marke Rum Artesanal bringt in jedem Quartal drei neue Abfüllungen auf den Markt. Sie sind in der Regel nur in kleinen Stückzahlen vorhanden und in den Online-Shops sehr begehrt. Doch im Herbst 2021 ist alles anders: Dominik Marwede, der kreative Kopf hinter Rum Artesanal, legte die Premiere der im Juli abgefüllten Flaschen auf das German Rum Festival 2021 in Berlin – und nur hier konnten die Flaschen zunächst gekauft werden. Einen besseren Ort hätte es eigentlich kaum geben können.

Die drei Abfüllungen vom Juli 2021 sind:

1. Guyana Rum Enmore REV 1994

2. Trinidad Rum TDL 2002

3. Jamaica Rum Clarendon EMB 1995

Wir haben alle drei Abfüllungen in dieser Reihenfolge verkostet, unsere Eindrücke lest ihr hier.

RA Tasting

Guyana Rum Enmore REV 1994: Kräuter galore

Der neueste Enmore aus dem Hause Rum Artesanal besitzt 53,1 %vol und ist in einer Stückzahl von 267 Flaschen erschienen. Der Preis lag bei 199 Euro. Lag, Präteritum, weil die Flaschen bereits auf dem German Rum Festival restlos ausverkauft waren. Klar, dass der Andrang groß war, dieser Rum ist in 0,5-Liter-Glasflaschen gebannte Geschichte.

Die Farbe ist sehr dunkel. Das ist typisch für Rums aus Guyana. Wofür das Mark REV steht ist ungeklärt, auf jeden Fall handelt es sich aber um bereits zur Einlagerung im Fass stark mit Zuckercouleur gefärbte Rums. „Nicht jeder Rum reift da, wo er destilliert wurde. Dieser Rum kam als Rohdestillat nach Europa, zum europäischen Klima. Das ändert die Reife“, erklärte Dominik Marwede. „Die Farbe ist beeindruckend, aber historisch gesehen nicht echt. Aber man muss der Geschichte Tribut zollen – mit einem positiven Auge.“ Heißt: Die dunkle Farbe stammt bei diesem Guyana-Rum nicht ausschließlich aus den Fässern. Das ist aber wie gesagt nicht überraschend und war früher üblich.

Im Glas erkennt man eine unglaubliche Viskosität. Die langen Schlieren lassen erahnen, wie viele Aromen vorhanden sind – das gilt zumindest bei ungezuckerten Rums wie diesen. Sobald ein Rum gezuckert ist (so wie einige neue Vertreter), sind die Schlieren im Glas kein Qualitätsmerkmal mehr.

In der Nase riechen wir Aromen von Dörrpflaume, Leder, Kräutern, Karamell. im Mund setzt sich das Aroma von Kräutern durch, dazu kommen Trockenfrüchte, ausgeprägte Fassnoten, Leder, Gewürze und Tabak. Der Abgang ist langanhaltend. Der Alkohol ist wunderbar eingebunden. Ein außergewöhnlicher Rum, den man so nur in Guyana bekommt.

– 92 Punkte –

Dominik Marwede

Trinidad Rum TDL 2002: Talk dirty to me

Wenn Trinidad auf der Flasche steht, denkt man als Rum-Nerd zuerst an Caroni. Jene legendäre Destillerie, deren Flaschen (zumindest in verschlossener Form) mitunter zu wahnsinnigen Preisen gehandelt werden. Diese Flasche von Rum Artesanal trägt das Kürzel TDL und Dominik Marwede betonte im Rahmen der Präsentation, dass er nur das auf die Etiketten schreibt, was auf den Importscheinen der Fässer steht und er somit zweifelsfrei belegen kann.

Das ist insofern interessant, weil unter anderem die Angostura Distillery einer der Eigentümer von TDL ist. Das Unternehmen TDL ist jedoch auch als Broker aktiv, kauft also auch Fässer bei anderen Destillen – das passierte in der Vergangenheit bereits bei Caroni oder auch Monymusk. Dieser Rum, da ist sich Dominik sicher, „wurde nicht bei Angostura destilliert.“ Die genaue Herkunft lässt sich wohl jedoch nicht zweifelsfrei klären.

Der Rum ist wie meist bei Rum Artesanal fassstark, er wurde nur mittels einer Filterkerze von allen Schwebstoffen befreit. Ansonsten benetze weder Wasser noch sonst etwas aus dem Chemielabor diese bernsteinfarbene Flüssigkeit. Die pure Essenz. Der Rum ruhte von 2002 bis 2009 auf Trinidad, die ersten 7 Jahre genoss das Fass also immerhin die schwüle Hitze der Karibik. Abgefüllt wurde er mit 63,4 Prozent.

In der Nase hat man Leder, Menthol, Minze und Fassnoten, dazu einen medizinischen Hauch und eine gewisse Fruchtig- und Dreckigkeit. Am Gaumen setzt sich die Kombination aus Minze, Frische und Teer fort. Stellt euch einen Minzstängel vor, der sich durch frischen Asphalt emporkämest. Etwas fruchtig und frisch, aber eben auch ein wenig dirty – so könnte man diesen Rum zusammenfassen. Für 79 Euro ein sehr guter Deal.

– 84 Punkte –

Jamaica Rum Clarendon EMB 1995: Für Geduldige

Der letzte Rum im Bunde trägt das Kürzel EMB. Er stammt aus der Clarendon Distillery auf Jamaika. Von hier stammt auch der nicht minder-populäre Monymusk, doch dieser Name ist rechtlich geschützt und prangt deshalb nicht auf der Flasche. Aber im Grunde ist ja auch nicht so wichtig, was drauf steht, sondern was drin ist – so it’s time to get down to business.

Vom Clarendon EMB 1995 wurden 366 Flaschen abgefüllt, es handelt sich um einen Rum mit 67,2 %vol, Da schnalzt der Rumrennen mit der Zunge, Einsteiger sind davon jedoch heillos überfordert. Im Esterbereich ist dieser Rum mit 250 Congeners im eher gemütlichen Bereich. Zumindest verglichen mit jenen Abfüllungen, die sonst gelegentlich Jamaika verlassen. Hier kann es ja schnell mal auf über 1000 bis 1600 Gramm Carbonsäure pro Hektoliter puren Alkohol emporschnellen, was einen gewissen Freak-Charakter gilt, wenn man bedenkt, dass solche Rums eigentlich für die Lebensmittelindustrie produziert werden.

Der Rum reifte fast vollständig tropisch, was bemerkenswert ist. Von der Abfüllung 1995 bis 2019 ruhte das Fass auf Jamaika. „Das merkt man. Dieser Rum braucht Zeit und muss vorsichtig behandelt werden. Er muss sich öffnen, weil er so intensiv ist“, erklärt Dominik Marwede. Recht hat er. Als ich den Rum das erste Mal im Glas hatte, gab er mir den gleichen Ratschlag, doch Lust auf Rum und ein gewisser Durst ließen mich darüber hinweghören, sodass das Glas relativ zügig leer war. Keine Geduld hat der junge Mensch, würde Yoda sagen. Der Rum schmeckte prima, aber im zweiten Anlauf bekam er die nötige Zeit (Faustregel: eine Minute je Jahr der Alterung) und dann entfaltete er sich deutlich mehr. Mit der Zeit tritt das Holz (und die damit einhergehende Vanille) in den Hintergrund und überlässt tropischen Früchten und einer gewissen Säure die Bühne. Unglaublich komplex, würzig und schwer, aber auch etwas scharf. Was für eine Wuchtbrumme.

– 86 Punkte –

Neue RA

Sneak Peak: Das sind die neuen Abfüllungen im Winter

Drei Rums, die unterschiedlicher kaum sein könnten, aber jeder für sich spannend – das ist das Lineup von Rum Artesanal 07/2021. Vor allem preislich sind sie angesichts des langen Reifung sehr gute Deals – der TDL und der EMB sind derzeit sogar noch im Rum-Depot erhältlich, der Enmore REV besitzt bereits 267 neue, glückliche Besitzerinnen und Besitzer. Doch wie heißt ein altes guyanisches Sprichwort: Vor dem Enmore ist nach dem Enmore.

Denn Dominik gewährte uns im Rahmen des German Rum Festivals einen Blick auf die kommenden Highlights. Neben einem Hampden 1990, circa 58% thronte ein Enmore 12/1985 MEV. “Das sind zwei der kommenden Oktober-Abfüllungen”, erklärte Dominik. Da zogen wir aber nicht nur eine Augenbraue begeistert nach oben. Natürlich fackelten wir nicht lange und wollten nicht nur gucken, sondern auch kosten. Wir wollen an dieser Stelle noch nicht zu viel verraten, doch mit dem Enmore 1985 MEV können sich Freunde des Bleistifts im Oktober auf eine feine Abfüllung freuen.

Lest auch:

Pere Labat – Verschiedene Abfüllungen im Test

Agricola de Madeira – 2 Abfüllungen von Rum Artesanal im Test

Alles, was ihr über Guyana-Rum wissen müsst

Rumult Rum – die Abfüllungen im Test

Abonniert hier unseren Newsletter:

Der La Mancha Roja mit Patron Tequila

Abonniert unseren Newsletter

Wir schicken euch unsere Spirituosen-Tests, Lieblingsrezepte und Hintergrund-Artikel bequem und direkt in euer Postfach. Kein Spam. Versprochen.

Du hast den Newsletter erfolgreich abonniert

Pin It on Pinterest

Share This