Wodka war in den Neunzigern und frühen 2000ern der Treibstoff der Partykultur. Keine Happy Hour ohne Cosmopolitan, kein Club ohne eisgekühlte Flaschen umringt von Redbull-Dosen. Meist stand schon damals vor allem die Wirkung im Mittelpunkt – Wodka ließ sich nunmal mit allem mixen und machte schnell betrunken.

Und die Hersteller befeuerten diesen Trend. Um sich von Mitbewerbern abzuheben und die Preise nach oben zu treiben überlegten sie sich immer neue Filtrationsmethoden, von schnöder Milch bis hin zu Diamanten. Doch mit jeder Filterung verlor Wodka Stück für Stück alles, was ihn hätte interessant machen können. Er wurde zum Inbegriff der Langeweile im Glas. So hatte man zwar am Morgen danach keinen Kater, am Abend davor aber auch keinen Geschmack.

Wodka Drinks

Wodka schmeckt wieder

Doch in den vergangenen Jahren fand beinahe unbemerkt eine Trendumkehr statt, wenn auch eine zaghafte. Statt billigem Neutralalkohol und belanglosem Weizen besannen sich einige Hersteller wieder auf kantigere – und damit spannendere – Rohstoffe. Vor zwei Jahren stellte Belvedere etwa zwei Destillate auf Roggen-Basis vor. Und die polnische Marke Vestal* landete einen Achtungserfolg mit einem Wodka auf Kartoffelbasis.

Der Kopf hinter Vestal ist William Borrell, ein in London lebender, ehemaliger Bartender mit polnischen Wurzeln. Fast ein Jahrzehnt produzierte er seinen Kartoffel-Vodka im kleinen Stil. Ohne einen finanzstarken Investor im Rücken musste er mit dem Produkt und nicht mit Marketing glänzen, und so perfektionierte er im Laufe der Zeit sein Handwerk: Für 1000 Flaschen verwendet er bis zu 15 Tonnen Kartoffeln. Am liebsten kleine Knollen, weil diese aromatischer seien.

Zudem produziert Borrell jedes Jahr eine reine Jahrgangssorte. Die Kartoffeln dafür stammen von einem einzigen Feld. Das kennt man sonst eher aus der Welt des Whiskys. Borrell spricht in diesem Zusammenhang gerne von “Terroir-Wodkas”, was Parallelen zum Wein erkennen lässt. Und der Vergleich ist durchaus gerechtfertigt: Wie der Winzer ist auch Borrell von der Natur abhängig: Ist das Wetter schlecht, so wie im verregneten Sommer 2012, spiegelt sich das auch im Produkt wider.

Vestal gehört jetzt zu den Großen

“Als ich anfing, galt die Kartoffel als minderwertig”, sagt Borrell. Dabei erzeugt ein Destillat aus Kartoffeln ein viel weicheres Mundgefühl. Nicht ohne Grund bestellen Barkenner in den USA am Tresen eine “Potato Wodka Martini”, wenn es nicht Gin sein soll. In Barkreisen kam Vestal gut an, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die Großen auf den Einzelkämpfer Borrell aufmerksam wurden, der lange mit einem Koffer voller Wodka von Bar zu Bar zog.

Anfang des Jahres, noch vor der Corona-Krise, übernahm schließlich das britische Spirituosen-Unternehmen Halewood (das auch den Gin-Senkrechtstarter Whitley Neill* vertreibt) 48 Prozent der Firmenanteile. Hierzulande wird Vestal von Cranehouse vertrieben. Als eine der ersten Maßnahmen wurde das Design der Flasche verändert, welche jetzt aus recyceltem Glas besteht. Vor allem aber hat Borrell jetzt einen Vertrieb hinter sich, der in 200 Ländern aktiv ist.

Eingeläutet wird die Kooperation außerdem mit drei neuen Produkten: Da ist zunächst der 2015er-Jahrgang, der laut Borrell vier bis fünf Jahre lang in offenen Edelstahlfässern lag. Durch die Oxidation wurde die Flüssigkeit besonders weich, beinahe cremig, und erhielt eine süße Note mit zartem Fruchtaroma, ohne die Komplexität eines Wodkas zu verlieren. Die beste Nachricht: Die 2015er-Ausgabe wird voraussichtlich um die 30 Euro für 0,5 Liter kosten.

Das ist für einen Wodka immer noch viel Geld, aber ein Schnäppchen verglichen zu den früheren Jahrgangssorten, die bis zu 89 Euro kosten konnten. Zum einen habe man das Kartoffelfeld für die Jahrgangsedition vergrößert, wodurch mehr Flaschen produziert werden können. Zum anderen möchte man das Premiumprodukt aber auch erschwinglicher machen, damit sich mehr Menschen damit auseinandersetzen.

William Borrell: „Wir wollen es richtig machen“

Und dann sind da noch zwei brandneue Produkte: “Vestal Blackcherry” mit Kirsch-Geschmack und “Vestal Raspberry and Blackcurrant”, also mit Noten von Himbeeren und Schwarzer Johannisbeere. Das hat mich zugegebenermaßen überrascht. Denn Borrell und Flavoured Vodka, das passte für mich nicht zusammen. Waren es doch all die Yuzu-Passionfruit und Limette-Kardamom-Geschmacksrichtungen, welche Wodka in früheren Jahren erst einen unfassbaren Boom und dann einen jähen Absturz bescherten. Und nun würde Borrell, der den Wodka nicht weniger als neu erfinden will, den gleichen Fehler machen?

Vestal Black Cherry und Raspberry

Zunächst einmal spricht das Business für diese Entscheidung: “Wodka ist in Deutschland auf dem absteigenden Ast”, erzählte mir Borrell vergangene Woche in der Boilerman Bar im Alten Hafenamt Hamburg. Weltweit liegt das Wachstum bei mageren ein Prozent, “im besten Fall”. Flavoured Wodka dagegen – plus 18 Prozent, innerhalb eines Jahres. “Die Zahlen zeigen uns, dass alles zyklisch verläuft. Alles kommt immer wieder, wie in der Mode oder der Kunst” – eine Ansicht, die er auch mit dem berühmten New Yorker Barkeeper Jim Meehan teilt, wie mir dieser einmal in einem Interview verriet.

“Es gab eine Zeit, da hatten wir jede Menge Wodkas mit Geschmacksrichtungen, und es wurde ein bisschen verrückt. Doch wir versuchen nur, auf die Daten zu reagieren, die besagen, dass es einen Wachstumsmarkt für Flavoured Wodkas gibt. Aber wir wollen es richtig machen!”

Ob das gelungen ist? Ich habe die neuen Flavoured Wodkas von Vestal bereits probiert, sowohl pur als auch im Drink. Meine Eindrücke könnt ihr hier nachlesen.

Transparenz-Hinweis: Die neuen Vestal-Sorten habe ich ihm Rahmen eines Events verkostet. Dabei wurde weder auf den Artikel noch auf das Tasting Einfluss genommen.

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