Der Negroni und ich – das war keine Liebe auf den ersten Blick, beziehungsweise Schluck. Ich weiß nicht mehr, wo ich meinen ersten Negroni getrunken habe. Ich weiß nur noch: Er war viel zu bitter und alles andere als gut balanciert. Damals dachte ich, dieser Drink und ich, wir werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Heute weiß ich: Wir haben uns nur auf den falschen Fuß erwischt.

Meine Begeisterung für den Negroni entfaltete sich erst im Laufe der Jahre. Dass er mehr sein kann als der klassische Dreiteiler wurde mir erst so richtig vor zweieinhalb Jahren in der Hamburger Bar Le Lion bewusst. Das Team um Jörg Meyer servierte mehrere Interpretationen des Klassikers. Natürlich gab es die Ursprungsfassung, bei der man zu gleichen Teilen Gin, roten Wermut und Campari nimmt und alles auf Eis rührt – ein Stammgast bezeichnete diese Variante liebevoll als Kalibrierungsnegroni, quasi als Eichmaß für die anstehende Negroni Week.

Der Sloegroni: Ein Erweckungserlebnis

Richtig abgeholt hat mich jedoch der Sloegroni, entwickelt von der kreativen Bartenderin Swetlana Holz. Sie nimmt dafür:

Alle Zutaten rührt sie auf viel Eis und seiht diese in ein Glas mit einem großen Eiswürfel ab.

Was mich an dem Drink so begeistert hat? Der klassische Negroni ist mir zu herb, bis heute mixe ich ihn mit mit einem Schuss Campari weniger. Der Sloe Gin – bei dem es sich nicht wirklich um einen Gin handelt, sondern um eine Art Schlehenlikör – verleiht ihm zugleich eine leichte Süße und Fruchtigkeit. Ein kleines Detail, das den Drink bekömmlicher und für mich ausgewogener macht.

Danach war meine Neugierde geweckt. Immer wieder hielt ich Ausschau nach neuen Varianten. Ich entdeckte Negronis auf Mezcal-Basis und mit Kaffee, mixte mir selber eine Variante mit Birnengeist. Im Gedächtnis blieb mir der Carotolin-Negroni der Münsteraner Bartenderin Marie Rausch (Bar Rotkehlchen), die dem mittlerweile 101 Jahre alten Klassiker einen spannenden Twist verleiht: Der Campari bleibt, der rote Wermut wird jedoch durch Süßwein und frischgepressten Karottensaft ersetzt, statt Gin landet Calvados im Glas. Benannt ist der Drink übrigens nach Davide Camparis Mutter, die in Anlehnung an ihre rote Haarfarbe „Carotolin“ übersetzt „kleine Rübe“ genannt wurde.

Dante in New York: Im Negroni-Himmel

Endgültig verfallen bin ich dem Negroni im vergangenen Dezember. Ich war beruflich in New York und hatte einen freien Nachmittag. Es regnete in Strömen, also schnappte ich mir ein Uber und ließ mich geradewegs in die MacDougal Street im Herzen des Greenwich Village fahren, einem Viertel in Lower Manhattan, das von Künstlern und Musikern geschätzt wird. Barkenner wissen: Dort befindet sich das Dante, das im vergangenen Jahr zu Besten Bar der Welt gekürt wurde. Und Glückskind wie ich bin stolperte ichdirekt zur Negroni-Happy-Hour rein.

Beim Wort Bar haben die meisten einen Raum mit schummriger Beleuchtung vor Augen, die im besten Fall eine heimelige Stimmung erzeugen und im schlechtesten Fall die Schlieren auf dem Polsterfußboden kaschieren soll, der mal wieder dringend eine Grundreinigung nötig hätte. Das Dante dagegen versprüht den Charme eines italienisches Cafés: Alles ist weiß gekachelt, in den Ecken stehen cremefarbene Ledersofas, über den Tischen hängen tiefe Lampen. Streng genommen sieht das Dante nicht nur aus wie ein Café, es ist auch eines – dafür sprechen auch die Öffnungszeiten ab 10 Uhr morgens. Oder wie oft habt ihr schon eure Lieblingsbar besucht, bevor überhaupt der “Fernsehgarten” angefangen hat? Eben.

Das Dante, eröffnet 1915 und damit sogar älter als der Negroni, besteht aus zwei Räumen und bietet in Nicht-Corona-Zeiten Sitze für bis zu 65 Menschen. Bei gutem Wetter kann man unter der Markise auf dem Gehweg sitzen, bei New Yorker Starkregen wie an jenem Dezembertag ist das jedoch keine Option. Ich sitze knapp zwei Stunden am Tresen, und im Akkord werden hier Aperitive serviert, dazu gibt es Burrata mit Roggen-Toast, Wildeber-Pappardelle und Desserts mit Haben-Wollen-Faktor. Aus den Boxen säuselt ein Musik-Mix der vergangenen Jahrzehnte. Ich komme mir vor wie in einem der neueren Woody-Allen-Streifen.

Auch das gibt es: Negroni vom Fass

Und überall Campari. Er steht an den Wänden, thront hinterm Tresen, ist in den Drinks. Der italienische Bitterlikör wird hier mit frisch gepresstem, mit Luft durchsetztem Orangensaft (so bekommt er eine fluffigere Textur, erklärt mir der Bartender) und einem Orangenachtel als Garibaldi serviert, einer der Bestseller der Bar.

Was mich wirklich überrascht: Das Dante, die beste Bar der Welt, hat eine Happy Hour, die hier #TheNegroniSessions heißt. Zwischen 15 und 18 Uhr kosten Negronis nur zehn US-Dollar, was für New Yorker Verhältnisse ziemlich günstig ist. Diese Chance konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, also wählte ich als erstes den Chocolate Negroni (Fords, Campari, Punt e mes*, Creme de Cacao* und Chocolate Bitter), gefolgt von einem Negroni Coffee Swizzle (Del Maguey Mezcal*, Martini Ambrato, Meletti Bittter und Cold-Brew-Kaffee). Zum Schluss gönnte ich mir einen Negroni vom Fass. Ja, richtig gelesen – vom Fass. Anderswo ist es das Draft Beer, hier fließt eiskalter Negroni aus dem Zapfhahn.

Mein Besuch im Dante ist gerade einmal neun Monate her. Doch angesichts der aktuellen Zeiten kommt es mir vor, als wäre er Ewigkeiten her. Ich hoffe, dass das Dante und all die anderen Institutionen der Barwelt die Corona-Pandemie überstehen. Und dass der 102. Geburtstag des Negroni wieder so würdevoll zelebriert wird, wie er es verdient hat – in vollen Bars.

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