Schmeckt er oder schmeckt er nicht? Das ist die entscheidende Frage, wenn wir einen neuen Rum im Glas haben. Doch wenn er schmeckt, dann will man ja Genaueres wissen: Was gefällt besonders gut, was vielleicht weniger, und wie schlägt er sich im Vergleich zu anderen Abfüllungen des gleichen Jahrgangs oder Stils?

Wir Rum-Nerds lieben es, über solche Details und die Tasting Notes zu fachsimpeln. Nur so ist zu erklären, warum in Besprechungen über Fiji-Rums in Fassstärke jenseits der 60 Prozent Beschreibungen wie „subtile Noten von Erdbeersahnebonbons“ auftauchen. Das klingt für Außenstehende albern, doch Rum-Liebhaber wissen, was ich meine. Und all jene tauschen sich bevorzugt auf der Bewertungsplattform RumX über ihr Lieblings-Hobby aus. Doch wer steckt eigentlich dahinter, wie gelangen die vielen neuen Rums in die Datenbank – und wie finanziert sich die App?

Grund genug, einmal Oliver Gerhardt anzufunken. Er ist Gründer von RumX und hat das einstige Hobbyprojekt in kurzer Zeit zu einer der wichtigsten Schaltzentralen der Branche aufgebaut. Viel Spaß mit dem vollständigen Interview!

Hallo Oliver, die meisten unserer Leser kennen dich nicht persönlich, aber sehr wahrscheinlich dein Produkt: Du bist Gründer der Plattform RumX (früher bekannt als Rum Tasting Notes). Das begann als Hobbyprojekt, mittlerweile kümmerst du dich Vollzeit darum. Erzähl uns doch kurz, wer du bist und wie du auf die Idee für RumX gekommen bist.

Hallo Christoph, danke für die Einladung. Die ersten richtigen Berührungspunkte mit Rum hatte ich durch einen glücklichen Zufall im Studium. Bei einem Freund habe ich einen typischen Süßrum probiert und war ganz verblüfft, wie „gut“ Spirituosen pur schmecken können. Davor war es für mich eine Selbstverständlichkeit, Rum mit Cola zu mischen oder andere einfache Drinks zu mixen. Dieses (Geschmacks-)Erlebnis hat mich neugierig gemacht und ich habe gezielt nach Bars und Tasting-Veranstaltungen in der Nähe gesucht. Rückblickend begann dort meine Begeisterung für Rum!

Als angehender Softwareentwickler wuchs zu diesem Zeitpunkt auch der Wunsch eine eigene App zu entwickeln – vorerst nur für mich selbst. Ich wollte meine neuen Verkostungseindrücke digital festhalten und meine wachsende Rum-Sammlung verwalten. Dieses Hobbyprojekt ist immer größer geworden. Im Dezember 2018 habe ich dann das Experiment gewagt, die App offiziell im iOS App Store zu veröffentlichen – mit damals sagenhaften 300 Rums in der Datenbank 😉

Mittlerweile hat sich ein kleines, aber feines Team rund um RumX herausgebildet – ich bleibe weiterhin die Hauptperson bei allen technischen Belangen. Im Marketing und bei der Weiterentwicklung von RumX unterstützt mich Jakob Schellhorn als zweite Person im Kernteam. Daneben hat sich ein kleiner Kreis an Freelancern etabliert, die wir bei Bedarf einbinden und mit deren Expertise wir beispielsweise unser Visual Design und die UX verbessern.

Die App hat sich in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt und vor Kurzem – nach mehr als 18 Monaten Entwicklungszeit – ein neues Layout bekommen. Was sind aus deiner Sicht die drei oder vier wichtigsten Neuerungen?

Ein wesentlicher Treiber der Neuentwicklung war die Zusammenführung der iOS- und Android-Apps, da der Aufwand, beide Apps parallel weiterzuentwickeln, immer größer geworden ist. Bei der Neuentwicklung sind wir bewusst einen Schritt zurück gegangen und haben viele Nutzer:innen befragt, um herauszufinden wie eine echte Version 2.0 von „Rum Tasting Notes“ aussehen sollte. Auf Basis dieser Erkenntnisse haben wir alle Bereiche der App neu konzipiert. Diesen Wechsel vom einfachen digitalen Tasting-Tagebuch zur Community-Plattform haben wir dann auch mit dem neuen Namen „RumX“ zum Ausdruck gebracht.

Ein Highlight in der neuen Version ist die völlig überarbeitete Benutzeroberfläche und die Integration des Forums (https://community.rum-x.com), in dem man täglich an unterschiedlichsten Flaschenteilungen der Community teilnehmen kann. Besonders gut kommt auch der neue Entdeckungsbereich an, in dem neue Destillerien, deren Besonderheiten und spannende Flaschen entdeckt werden können.

Alle Sammler:innen profitieren auch von der verbesserten Sammlungsverwaltung. Hier können sie beispielsweise den aktuellen Marktwert ihrer Sammlung oder einzelner Flaschen einsehen.

Die Datenbank besteht mittlerweile aus mehr als 12.000 Rums. Eine ganz schöne Menge! Um die auf Stand zu halten bist du sicherlich auf die Hilfe der Community angewiesen, oder? Wie viele neue Rums fügst du monatlich hinzu?

In der Anfangszeit habe ich die Datenbank noch alleine durch Recherche in Fachbüchern und Online-Shops aufgebaut. Dieses Bootstrapping war echt mühsam – aber notwendig, um einen echten Mehrwert für die ersten Nutzer:innen zu bieten.

Mittlerweile werden neue Rums fast ausschließlich von der Community gemeldet. So landen jede Woche ca. 60 neue Rums auf meinem Schreibtisch, deren Angaben ich auf Korrektheit und Vollständigkeit prüfe, bevor ich sie zur Datenbank hinzufüge. Auf diese Weise kann ich die von der Community so geschätzte Datenqualität sicherstellen.

Dank dem fantastischen Einsatz der Community können wir mit Stolz sagen, dass hinter RumX die größte Rum-Datenbank der Welt steht.

Für mich ein Highlight der neuen App ist der Entdeckungsbereich mit Kaufberater. Jeder, der von Freunden schon einmal die Frage “Welchen Rum würdest du empfehlen?” gehört hat, weiß, wie schwierig eine Empfehlung ist. Wonach geht ihr dabei vor?

Mit dem Kaufberater kannst du die RumX-Datenbank gezielt nach interessanten Angeboten durchsuchen. Du kannst die Treffer dabei ganz einfach nach Budget oder persönlichen Vorlieben eingrenzen. Rums, die du noch nicht kennst, aber bei der Community sehr beliebt sind, werden dir dann als Empfehlungen vorgeschlagen.

Einen Schritt weiter geht unser eigens entwickelter Empfehlungsalgorithmus. Wenn du RumX regelmäßig nutzt und Rums bewertest, kann dir dieser KI-Algorithmus neue Rums vorschlagen, die deinen Geschmack treffen dürften. Je mehr Rums du in RumX verkostest, desto besser werden die persönlichen Empfehlungen für dich.

Außerdem findest du im neuen Entdeckungsbereich redaktionelle Empfehlungslisten und Top- Angebote unserer Partner-Shops.

Ihr empfehlt nicht nur Rum, sondern verkauft auch eigene Abfüllungen. Erzähl uns doch ein bisschen darüber. Vor allem würden wir gerne wissen, anhand welcher Kriterien du den Rum ausgewählt hast – als Bewertungsplattform ist die Messlatte bei euch schließlich besonders hoch.

Grape of the Art“ (GotA) ist zusammen mit meinen Stuttgarter Mitgründern mein zweites Herzensprojekt. Durch unsere Kontakte haben wir jeden Monat Zugang zu spannenden Fassproben aus vielen Spirituosenkategorien, wobei der Fokus auf Armagnac liegt. Wenn wir im GotA-Team von einem Rum überzeugt sind, nutzten wir den Zugang zur RumX Community, um zusätzliches Feedback einzuholen. Nur wenn alle Beteiligten von dem Fass begeistert sind, kommt das RumX-Logo auf die Flasche.

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, die App oder zumindest einzelne Features kostenpflichtig zu machen?

Mir ist es wichtig, dass jede:r Rumliebhaber:in Zugang zur Community erhält und ein freier Meinungsaustausch stattfinden kann. Die gesamte App kostenpflichtig zu machen schließe ich daher aus. Klar ist aber auch: Damit die App langfristig weiterentwickelt werden kann, ist ein nachhaltiges Geschäftsmodell notwendig. Aktuell integrieren wir mehr und mehr Partner-Shops. Auf diese Weise siehst du, ob und wo ein Rum derzeit verfügbar ist. Kaufst du über RumX einen Rum, erhalten wir eine kleine Vermittlungsprovision und du unterstützt dadurch die Weiterentwicklung der App.

Was für Pläne hast du zukünftig mit der App?

Um mit RumX nicht nur fortgeschrittene Connaisseure anzusprechen, möchten wir die App auch für Rum-Einsteiger:innen zugänglicher machen. Daher arbeiten wir an Features, um (Quer-)Einsteiger:innen von der Faszination von Rum zu begeistern.

Gleichzeitig arbeiten wir an einem Follower-System, um die immer größer werdende RumX- Community stärker zu vernetzen und die RumX-Erfahrung noch persönlicher zu machen. So kannst du gezielt nach Nutzer:innen suchen, deinen Freunden folgen und ihnen sogar Einsicht in Teile deiner Sammlung geben. Zudem siehst du neben deiner eigenen und der Community- Bewertung zukünftig auch, was dein Freundeskreis über einen Rum denkt.

Darüber hinaus wollen wir die RumX-Website weiter ausbauen und den vollen Funktionsumfang der App auch auf dem Desktop ermöglichen.

Rum: Das ultimative Handbuch
  • Boons, Isabel (Autor)

Zum Schluss noch ein paar persönliche Fragen: Was ist dein derzeitiger Lieblings-Rum zum entspannten Sippen abends auf dem Sofa?

Zu meinem letzten Geburtstag habe ich eine besondere Flasche aus meinem Jahrgang 1990 aufgemacht. Den 23 Jahre alte Hampden von Rum Nation (RX937). Diese Abfülung ist für mich einfach die perfekte Trinkstärke, ohne auch nur ein bisschen langweilig zu sein – leider neigt sich die Flasche nun auch schon dem Ende zu.

Wenn du einen Wunsch frei hättest: Welche Rum-Abfüllung würde nochmal in deinem Schrank stehen?

Ich bin ein absoluter Fan des 1990er Jahrgangs der Hampden Destillerie. Ein absolutes Highlight war für mich die 26 Jahre alte TRC-Abfüllung (RX892), die ich mal bei einem Freund probieren durfte. Hiervon eine ganze Flasche im Regal zu haben wäre eine wahre Freude – die aber vermutlich auch nicht lange halten würde. 🙂

Guyana oder Jamaika?

Jamaika im Sommer. Guyana im Winter.

Fassstärke oder verdünnt?

Fassstark.

Und zum Schluss: Mojito oder Daiquiri?

Daiquiris, da man hier mit unterschiedlichen Rums so schön experimentieren kann.

Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit RumX!

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