Der White Mezcal Negroni klingt in seiner Kombination zunächst etwas skurril – doch genau darin liegt sein Reiz. Hinter der ungewöhnlichen Idee verbirgt sich ein bemerkenswert harmonischer und charakterstarker Drink. Ich nutze ihn gern als Maßstab, um eine neue Bar kennenzulernen. Die bisher beste Interpretation habe ich während unserer Bartour im März 2025 in der großartigen Nick & Nora Bar erlebt – ein wirklich herausragendes Erlebnis.
Als der Londoner Bartender Wayne Collins Anfang der 2000er Jahre gemeinsam mit Salvatore Calabrese und dem Team der Plymouth Gin Distillery den White Negroni populär machte, war dies bereits eine kleine Sensation. Wayne Collins’ Version ersetzte Campari durch Suze und den roten Wermut durch Lillet Blanc. Ein Aperitivo-Drink ohne rote Farbe, aber mit ebenso viel Charakter.
Jahre später begann die internationale Barkultur, dieses helle Template als Spielwiese zu begreifen. Genau hier setzt der White Mezcal Negroni an: Er ist ein Riff auf Collins’ White Negroni, tauscht jedoch den Gin gegen Mezcal – und verwandelt damit einen eleganten, französisch geprägten Bittercocktail in ein mexikanisch inspiriertes Kraftpaket.
Vom Hafen Londons nach Oaxaca
Die Grundidee bleibt: eine Dreiteilung aus Basisalkohol, Bitteraperitif und aromatisiertem Wein. Doch Mezcal bringt ein Aromenspektrum ein, das mit Gin nicht erreichbar ist.
Mezcal – traditionell aus gerösteten Agavenherzen destilliert – liefert Noten von Rauch, Erde, Pfeffer, grünen Kräutern und mineralischer Trockenheit. Collins’ White Negroni war vor allem von der kräutrigen Enzianbitterkeit des Suze bestimmt. Im White Mezcal Negroni wird diese Bitterkeit nun von rauchiger Agavenwürze flankiert.
Die helle Farbe des Originals bleibt erhalten, der Charakter jedoch kippt deutlich ins Herbe, Wilde und Komplexe. Wo Collins’ Drink an einen Nachmittag in einem Pariser Straßencafé erinnert, ruft die Mezcal-Version eher Bilder von staubigen Marktplätzen in Oaxaca hervor.
Rezept
Ein typisches Rezept lautet:
- 30 ml Mezcal
- 30 ml Suze (oder ein anderer heller Enzianaperitif)
- 30 ml Lillet Blanc
Alle Zutaten auf Eis rühren, in einen Tumbler auf frisches Eis abseihen. Garnitur: Grapefruit- oder Orangenzeste.
Welcher Mezcal eignet sich?
Besonders bewährt haben sich:
- Convite Mezcal Esencial
- Fruto del Sol
- Topanito Mezcal
- Mezcal Local
- Mezcal Banhez Espadin & Barril
- Montelobos Espadín
Espadín-Mezcals mit klarer, trockener Rauchigkeit sind ideal, da sie den Drink nicht zu sehr dominieren.
Die Rolle des Suze
Der Bitteraperitif Suze ist das aromatische Herzstück dieses Drinks. Enzian, Zitrusschalen und eine deutliche, fast staubig wirkende Kräuterherbe prägen sein Profil. In Verbindung mit Mezcal entsteht eine hochspannende Mischung.
Andere weiße Bitter wie Tempus Fugit Kina L‘Aero d’Or oder Luxardo Bitter Bianco funktionieren ebenfalls, verändern aber die Idee und im Fall vom Luxardo auch die Aromatik.
Wie schmeckt der Drink?
Im Glas zeigt sich der Drink blass strohgelb. Die Nase ist unmittelbar vom Mezcal geprägt: kalter Rauch, weißer Pfeffer, Zitrusöle. Dahinter Suze- und Lillet-Kräuter.
Am Gaumen wirkt der White Mezcal Negroni deutlich trockener als ein klassischer Negroni und auch herber als Collins’ White Negroni. Die Süße ist zurückhaltend, die Bitterkeit klar, fast knochentrocken. Der Abgang: lang, würzig, rauchig mit zitrischer Frische.
Ein Negroni ohne Italien
Der White Mezcal Negroni zeigt eindrucksvoll, wie weit sich das Negroni-Prinzip von seinen italienischen Ursprüngen entfernen kann, ohne seine Identität zu verlieren. Wayne Collins’ White Negroni war bereits ein Stück entfernt. Die Mezcal-Version treibt diese Idee weiter: ein Aperitifdrink, der Frankreich, England und Mexiko in einem Glas vereint.
Cheers!