Spirituosenmarkt 2026: Warum die Ära der Quatschabfüllungen zu Ende geht

Wird 2026 ein gutes oder schwieriges Jahr für die Spritituosen-Branche? Wir haben nachgefragt.

Inhaltsverzeichnis

Die Kellerregale sind voll. Manchmal peinlich voll. Zwischen verstaubten Einzelfassabfüllungen und den impulsiven Käufen der Pandemiejahre dämmern hier und da Flaschen vor sich hin, die niemand mehr so richtig haben will. Was während Corona als großer Boom begann – die heimische Hausbar als Ersatz für geschlossene Lokale, exotische Rums als Sammlerobjekte – entpuppt sich nun als Kater. Und zwar ein ziemlich hartnäckiger.

„Ich glaube, dass dieses Jahr tatsächlich weniger Spirituosen gekauft werden”, sagt Fabian Hess, Betreiber des Spirit Bomb Spirituosenfachhandels und der Liq Bar in Düsseldorf, auf Nachfrage zu den Spirituosen- und Bar-Trends des Jahres. Die Diagnose ist nüchtern: überfüllte Privatkeller, gesunkene Kaufkraft und ein Markt, der sich nach Jahren der Expansion wieder sortieren muss.

Qualität vor Quantität – oder das Ende der Quatschabfüllungen

Besonders deutlich zeigt sich der Wandel im Rum-Segment, das in den vergangenen Jahren einen regelrechten Hype erlebte. Die Ära der beliebigen Einzelfassabfüllungen neigt sich ihrem Ende zu. „Es wird weniger Einzelfassabfüllungen geben in Bezug auf Rum. Es wird stattdessen mehr auf Qualität geschaut werden”, prognostiziert Hess. Namen wie Spirit of Rum haben sich als Vorreiter dieser neuen Ernsthaftigkeit etabliert – es sind Anbieter, die Substanz über Marketingversprechen stellen.

Auch Thomas Wille, langjähriger Rumliebhaber, beobachtet diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen: „Besondere Abfüllungen wie die Sins-Reihe von Robert Bauer oder jetzt die Nachfolgereihe gehen wohl immer, auch zu den aufgerufenen Preisen. Andere Hersteller haben da Probleme.” Das Beispiel des Rum Artesanal NY 1994, der trotz eines attraktiven Preises von 160 Euro nur schleppend Abnehmer findet, illustriert das Dilemma: Die Zahlungsbereitschaft für Premium-Produkte ist nach wie vor vorhanden, aber längst nicht mehr unbegrenzt.

Thomas Wille

Dirk Becker vom Rum-Depot in Berlin formuliert die neue Marktlogik prägnant: „Altes und Seltenes wird knapper im Angebot. Ob die Preise runtergehen bleibt abzuwarten. Ich glaube es nicht, weil die Verfügbarkeit einfach extrem knapp ist.” Seine Lösung: mehr jüngere Abfüllungen im Alkoholbereich von 50 bis 60 Prozent, dafür preislich entspannter. Ein Ansatz, der den veränderten Realitäten Rechnung trägt, ohne die Qualitätsansprüche über Bord zu werfen.

Dirk Becker und Fabian Hess

Ähnlich sieht es Adam Witek, Spirituosen-Liebhaber: “Ich denke, 2026 kommen noch mal viele alte Sachen, teils zu unverschämten Preisen, teils zu angenehmen Preisen. Die Leute werden es kaufen, aber das Gejammer wird groß sein auf einem ganz hohen Niveau.” Er glaubt aber auch, dass die Preise noch etwas fallen werden für die Sachen, die es gab. “Ich freue mich auf die Sachen der unabhängigen Abfüller, gruß geht hier an Stefan vom Bottleshop, Klaus von Flensburg Rum Company, Dirk von Spirit of Rum. Auch freue ich mich auf Rum-Sorten von anderen Abfüllern, gerne aber im zweistelligen Preisbereich.”

Adam Witte am Stand von Spirit of Rum
Adam Witek am Stand von Spirit of Rum

Das Aperitif-Momentum und der Likör-Aufstieg

Während Rum und Whisky ihre Hochpreispolitik überdenken müssen, eröffnen sich in anderen Segmenten überraschende Chancen. Karim Fadl, Key Account Manager Hotel & Resorts bei Thomas Henry, identifiziert Aperitifs als „strategisches Spielfeld” für dieses Jahr. Der Trend zu moderatem Konsum, leichten und einfach zu mixenden Drinks spielt dieser Kategorie in die Hände. „Trotz des aktuellen Wachstums gibt es in der Kategorie noch zahlreiche White Spaces – insbesondere bei Geschmacksprofilen, Konsumanlässen und Servierformaten”, analysiert Fadl.

Bemerkenswert ist die Renaissance der Liköre. Einst als altmodisch abgetan, erleben sie als niedrigschwellige, aber komplexe Genussoption ein Comeback. „Sie ermöglichen es, komplexe Aromen in ein zugängliches Genussformat zu übersetzen”, erklärt Fadl. Als Paradebeispiel nennt er den Yuzu-Likör von Kirsch – ein Produkt, das Herkunft, Aromatik und vielseitige Einsetzbarkeit elegant verbindet. Die Anwendung in Spritz-Varianten macht Liköre für experimentierfreudige Konsumenten attraktiv, ohne die Geldbörse übermäßig zu strapazieren.

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Neue Herkunftsländer und der Eskapismus-Faktor

Das derzeitige Überangebot bei etablierten Rum- und Whisky-Marken öffnet die Tür für Produzenten aus bislang vernachlässigten Regionen, glaubt Fadl, der zuvor viele Jahre als Brand Ambassador für LVMH mit Schwerpunkt Rum (Eminente) und Tequila (Volcan) arbeitete. West- und Südafrika, Südostasien – Länder, die bisher im Schatten der Klassiker standen, würden oft ein attraktiveres Preis-Leistungs-Verhältnis bieten, sagt er. „Diese aufstrebenden Herkunftsländer werden vor allem – auch verdientermaßen – mehr Sichtbarkeit gewinnen”, ist Fadl überzeugt.

Die Gastronomie steht derweil vor einem Balanceakt. Nach der jüngsten Mehrwertsteuersenkung – die allerdings nur für Speisen gilt – und steigenden Personal- sowie Sozialversicherungskosten müssen Barbetreiber ihre Preisstruktur überdenken. „Keiner wird mehr 15 Euro für einen Cocktail zahlen, der nicht weltbewegend ist”, stellt Fabian Hess klar. Er weiß, wovon er redet: Neben dem Spirit Bomb in Düsseldorf betreibt er auch die Liq Bar. Sein Zielpreis von 12,50 Euro mag vielen immer noch ambitioniert erscheinen, doch in der aktuellen Kostenstruktur ist selbst dieser Betrag eine Herausforderung.

Karim Fadl von Thomas Henry

Doch bei aller Diskussion über Herkunft, Preise und Verfügbarkeit darf eines nicht vergessen werden: der emotionale Wert. „Eine reine Cocktailbar ist nach wie vor zeitgemäß, weil sie Menschen eine schöne Zeit bereiten kann. Es geht auch um Eskapismus, manche wollen den eigenen Problemen entkommen”, betont Hess. In wirtschaftlich angespannten Zeiten gewinnt dieser Aspekt zusätzlich an Bedeutung.

Dennoch: Das Problem verschärft sich durch veränderte Konsummuster. Wer im Restaurant zu zweit mit Vorspeisen, Hauptgerichten und einer Flasche Wein problemlos 100 Euro ausgebe, habe danach oft keine Lust mehr, in eine Bar zu gehen. „Als Barbetreiber und vielleicht auch als Spirituosenhersteller musst du deinen Konsumenten Erlebnisse bieten”, fordert Hess. Over-the-top-Präsentationen wie im Seiberts, exzellenter Service wie im Le Lion – wer überleben will, muss sich differenzieren.

Alkoholfrei wird Mainstream – und Trump bleibt ein Faktor

Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen betrifft den No- und Low-Alcohol-Bereich. Was vor wenigen Jahren noch als Nischenphänomen galt, rückt laut Fadl von Thomas Henry „immer stärker in die Mitte des Mainstreams”. Die Innovationsdynamik ist hoch, von alkoholfreien Gin-Alternativen über weinähnliche Serves bis hin zu komplett eigenständigen Kreationen aus Wurzeln und Kräutern. Besonders im E-Retail zeigt sich eine starke Nachfrage, die echte Verbraucherbedürfnisse widerspiegelt und nicht nur Marketing-getriebene Trends.

Während neue Kategorien aufsteigen, kämpfen etablierte mit strukturellen Problemen. Bourbon etwa, dem viele Beobachter einen Durchbruch in Europa prophezeiten, wird laut Hess unter der Trump-Administration kaum vorankommen. „Solange Trump das macht, was er macht, wird Bourbon keinen Durchbruch hierzulande haben”, lautet sein nüchternes Fazit. Auch Mezcal und Tequila, lange als kommende Großtrends gehandelt, haben die Erwartungen bislang nicht erfüllt. „Ich kann das in meinen Läden nicht bestätigen”, sagt Hess.

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Die große Bereinigung

Die Spirituosenbranche steht vor ihrer größten Bewährungsprobe seit Jahren. Große Konzerne wie Pernod Ricard und Diageo haben Hunderte Millionen Euro an Cash in Whisky- und Tequila-Beständen gebunden. Die Reaktion: No-Age-Statement-Blends (NAS-Blends) zur Ansprache jüngerer Zielgruppen, temporäre Preisreduktionen und verstärkte Verkaufsunterstützung für Handel und Gastronomie.

Externe Faktoren wie Zölle und veränderter Konsum treffen auf hausgemachte Probleme wie Überproduktion und aggressive Preiserhöhungen nach der Corona-Zeit. Doch bei aller berechtigten Skepsis gibt es auch Grund für vorsichtigen Optimismus. Fabian Hess erinnert daran, dass es vor 15 Jahren schon einmal eine vergleichbar angespannte Situation gab – die sich dann normalisierte. Die entscheidende Frage lautet: Wie lange dauert dieser Prozess – und wer überlebt ihn?

Die Antwort liegt vermutlich in der Rückkehr zu den Grundprinzipien: gute Qualität zu fairen Preisen, authentische Erlebnisse statt Marketing-Hype und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Wer dieses Jahr erfolgreich sein will, muss sich entscheiden: Entweder man bietet außergewöhnliche Qualität und Service – oder man macht Spirituosen wieder erschwinglich für die breite Masse. Der Mittelweg, das zeigt die aktuelle Marktlage, ist weitgehend ausgereizt

Letzte Aktualisierung am 19.01.2026 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API

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