Es gibt viele Rum-Abfüller auf der Welt. Doch an der Spitze ist die Luft bekanntlich ziemlich dünn. Marken, die nonstop Qualität abliefern, kann man an einer Hand abzählen – dazu gehören Firmen wie Velier, Rum Artesanal und auch 1423 World Class Spirits aus Dänemark. Letztere ist noch vergleichsweise jung: 2009 kam die erste eigene Abfüllung aus Trinidad auf den Markt, die viel Lob erhielt. Das Unternehmen ist übrigens nach der Fassnummer 1423 eben jenes ersten, abgefüllten Rums benannt.

Die Abkürzung S.B.S. steht für Single Barrel Select und ist gewissermaßen die Einzelfass-Sparte des dänischen Abfüllers. Es handelt sich bei diesen Flaschen naturgemäß um limitierte Editionen, die teils nur in Kleinstauflagen von knapp 100 Flaschen erscheinen. Vor allem in den letzten Jahren drehten die ehrgeizigen Dänen richtig den Turbo auf und brachten Rums wie am Fließband aus allen Ecken der Welt auf den Markt. Das Portfolio erstreckt sich mittlerweile von den karibischen Inseln über den süd- und mittelamerikanischen Raum bis hin zu spannenden Rum-Newcomern wie Belize, Fiji und die Philippinen.

Auch wenn ich mir die S.B.S. Rum Abfüllungen fast immer in Online-Shops ansehe, greife ich ehrlich gesagt selten zu. Die Abfüllungen sind meist deutlich kostspieliger sind als ähnliche Produkte von etwa Rum Artesanal. Als das Rum-Depot jedoch vergangenen Freitag ein Online-Tasting mit Joshua, einem der 1423-Mitgründer, veranstaltete, sicherten wir uns sofort zwei Tickets. Insgesamt sieben aktuelle S.B.S.-Abfüllungen wurden vorgestellt.

SBS Samples Rum-Depot

Das waren die verkosteten Abfüllungen:

  • S.B.S. Fiji 2002 South Pacific 57,1%
  • S.B.S. Guyana 2003 59,7%
  • S.B.S. Guyana 2003 Savanne 53,7%
  • S.B.S. Guyana 2001 Diamond SWR 53,2%
  • S.B.S. Guyana 1994 Enmore REV 48,5%
  • S.B.S. Guyana 1990 Uitvlugt Port Mourant 53,1%
  • S.B.S. Jamaica 1994 New Yarmouth 57%

Das las sich äußerst vielversprechend: Fünfmal Guyana, einmal Fiji und einmal Jamaika. Alle Rums hier zu rezensieren sprengt den Rahmen, deshalb beschränke ich mich auf meine zwei S.B.S. Rum Highlights,

S.B.S. Jamaica 1994 New Yarmouth 57%

Der 1994er New Yarmouth Abfüllung von Rum Artesanal war unsere Entdeckung des vergangenen Jahres. Wir waren davon so angetan, dass Hendrik und ich uns unabhängig voneinander jeweils eine Flasche sicherten. Umso gespannter waren wir deshalb auf die Abfüllung von S.B.S.

Ich erwartete ein ähnliches Aroma, doch wurde eines Besseren belehrt. Hier zeigen sich in der Nase Noten von Schokolade und Toffee, aber vor allem Kokosnuss. Letztere sei eine zusätzliche Ebene, ein „Extra Layer“, wie es Joshua ausdrückt. Wer dieses Aroma nicht mag, der ist bei diesem Rum falsch. Doch wer die anderen, bereits erschienenen 1994er-NYs kennt, der entdeckt hier einen interessanten Twist. Hendrik hatte durch die Kokosnote sogar eine kleine Parallele zu Foursquare im Kopf.

SBS Jamaika

Im Mund setzt sich dieses Aromenspiel fort. Der Rum ist für 57 Volumenprozent äußerst cremig und gefällig. Der Alkohol ist weniger ruppig und besser eingebunden als beim Rum Artesanal, dafür geschmacklich allerdings flacher. Nach einigen einführenden Worten erläutert Joshua auch, warum: Dieser New Yarmouth ist verdünnt. Ob er im Mai Tai eine ebenso gute Figur macht wie der RA, kann ich nicht beurteilen – wir haben das 20ml-Sample ausschließlich pur verkostet.

Joshua erläuterte einige Hintergründe dieses Rums und gab ein Plädoyer für kontinentale Reifung. Häufig liest und hört man aus der Rum-Szene, karibische Reifung sei das Maß aller Dinge und drei- bis viermal schneller als das kontinentale Äquivalent. Doch er würde das so nicht unterschreiben: “Man kann nicht sagen, dass ein zehn Jahre alter jamaikanischer Rum identisch ist mit einem, der 30 Jahre in Dänemark reifte. Das ist komplett falsch. Man startet womöglich am gleichen Punkt, doch das Klima ist völlig anders – und man erhält deshalb zum Schluss zwei völlig verschiedene Produkte.”

Velier führte einmal ein spannendes Epxeriment durchgeführt, um den Einfluss der Lagerung zu untersuchen: Zwei Marks wurden ausgewählt, die eine Hälfte lagerte in der Karibik, die andere im gleichen Zeitraum kontinental. Die Unterschiede waren frappierend. „Aber es ist nicht so, dass ein Produkt dem anderen überlegen ist.“ Was man bevorzugt, ist am Ende wie immer eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Mit all diesem Wissen muss ich sagen: Der S.B.S. 1994 New Yarmouth ist ein sehr guter Rum. Die auffällige Kokosnuss-Note macht ihn interessant, allerdings vermisse ich die Ester-Noten, die so typisch für Jamaika sind. Diese Abfüllung wirkt mehr wie ein funky Rum aus Guyana als ein sanfter Jamaikaner. Er ist sehr smooth, man würde im Mund keine 57 Prozent erwarten. Im direkten Vergleich hat für uns der RA dennoch die Nase vorn.

Der S.B.S. Rum New Yarmouth 1994 kostet 260 Euro. Das ist auch eine Ansage. Zum Vergleich: Für die Rum-Artesanal-Abfüllung habe ich vergangenes Jahr 150 Euro bezahlt. Doch für diesen Preis würde man den Rum heute wohl auch nicht mehr bekommen.

SBS Liste

S.B.S. Guyana 1994 Enmore REV 48,5%

Ein Guyana-Rum mit Enmore-Label macht uns ebenfalls neugierig. Und hier wurden wir nicht enttäuscht: Dieser Rum hat uns am besten von den sieben vorgestellten Abfüllungen gefallen. Er ist wie eigentliche alle alten Guyana-Rums gefärbt. Dies geschieht nicht zum Selbstzweck, um die Rums älter wirken zu lassen, sondern ist eine lang-gepflegte Tradition. Mit der speziellen Karamellfarbe erhält der Rum einen komplexeren Geschmack, ein wenig Süße und dunkle Noten wie Leder, Tabak und verbranntes Karamell.

Dieser Rum stammt aus der Pot Still aus Enmore und besitzt das REV Mark. Auch hier gibt es ein Äquivalent von Rum Artesanal, aber auch andere Abfüller haben solche Abfüllungen bereits auf den Markt gebracht. Und wie Joshua im Halbsatz erwähnt, werden in naher Zukunft auch noch weitere auf den Markt kommen – allerdings zu steigenden Preisen, befürchte ich.

Wer einen solch lang gelagerten Guyana-Rum im Glas hat sollte vor allem Geduld mitbringen. Einen solchen Rum trinkt man nicht zwischen Tür und Angel, sondern man sollte ihm Zeit zum Atmen geben. Vor dem ersten Verkosten am besten 30 bis 60 Minuten. Erst an der Luft entfaltet er sich so richtig, das kann man im Laufe des Abends wunderbar beobachten. Wer eine Flasche hat, sollte sich einen großzügigen Schluck ins Glas gießen und einfach jede halbe Stunde daran nippen.

Insgesamt gefällt uns dieser Rum sehr gut. In der Nase riecht man dunkle Schokolade, Trockenfrüchte und Tabak.
Im Mund ist der Enmore-Rum sehr komplex, würzig, aber auch ziemlich holzig. Zudem ist er extrem weich und elegant mit einer leichten Bitternote. Er besitzt einen unglaublich langen Abgang mit Aromen von Trockenpflaumen, Gewürzen und viiieeelll Lakritz. Wirklich klasse. Aber 320 Euro? Puh, ich muss zugeben, dass mir persönlich dieser Rum – trotz des Alters, trotz der Historie – eine solche Summe nicht wert ist. Insofern bin ich zufrieden, ihn im Rahmen des Tastings probiert zu haben.

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