Kaum eine Spirituose hat in den vergangenen Jahren eine ähnliche Entwicklung erlebt wie Mezcal. Lange Zeit war er außerhalb Mexikos vor allem ein Geheimtipp für Bartender und Liebhaber außergewöhnlicher Destillate. Mittlerweile wächst das Interesse jedoch stetig. Dennoch bleibt Mezcal für viele Genießer schwer greifbar. Zu unterschiedlich sind die Agavensorten, die Herstellungsverfahren und die regionalen Einflüsse. Wer sich erstmals mit der Kategorie beschäftigt, steht schnell vor einer Vielzahl an Begriffen und Stilrichtungen.
Genau hier setzt das LAEPOCA Mezcal Tasting Set an. Anstatt sich auf eine einzelne Abfüllung zu konzentrieren, präsentiert das Set drei unterschiedliche Interpretationen der Spirituose. Ein klassischer Espadín bildet den Einstieg, während ein Cuishe und ein komplexer Ensamble zeigen, wie unterschiedlich Mezcal schmecken kann. Damit verfolgt LAEPOCA einen Ansatz, der gerade Einsteigern entgegenkommen sollte, gleichzeitig aber auch erfahrenen Genießern interessante Vergleichsmöglichkeiten bietet. Die drei 100ml Flaschen sind in einer wunderschönen Box mit Begleitheft und einem Aromenrad. Das habe ich so aufwändig auch noch nicht gesehen.
Von Oaxaca nach Europa
Hinter LAEPOCA steht ein junges Unternehmen, das traditionellen Mezcal aus Oaxaca nach Europa bringt. Produziert wird in Santiago Matatlán, einer Region, die häufig als die Heimat des Mezcals bezeichnet wird. Dort entstehen die Destillate in traditioneller Handarbeit.
Die Agavenherzen werden zunächst in mit Steinen ausgekleideten Erdöfen über Holz und glühender Holzkohle langsam gegart. Während dieses mehrtägigen Prozesses entstehen die charakteristischen Rauch- und Röstaromen, die Mezcal von anderen Agavendestillaten unterscheidet. Anschließend werden die gegarten Piñas zerkleinert, vergoren und in Kupferbrennblasen destilliert.
Drei Mezcals – drei unterschiedliche Charaktere
Bevor wir zu den drei Mezcal kommen, zunächst ein paar allgemeine Informationen zu den verarbeiteten Agaven.
Espadín
Die Agave angustifolia, besser bekannt als Espadín, bildet die Grundlage von rund 80 bis 90 Prozent aller Mezcal-Produktionen. Das liegt nicht nur an ihrer Qualität, sondern auch an ihrer vergleichsweise guten Kultivierbarkeit. Während viele Wildagaven Jahrzehnte bis zur Ernte benötigen, erreicht Espadín ihre Reife meist bereits nach sieben bis zehn Jahren.
Die Pflanzen lassen sich gezielt anbauen und liefern hohe Erträge. Gleichzeitig entwickeln sie einen hohen Zuckergehalt, wodurch sie sich wirtschaftlich verarbeiten lassen und dennoch ein komplexes Aromaprofil hervorbringen. Für viele Produzenten in Oaxaca bildet Espadín deshalb das Fundament ihres Sortiments.
Sensorisch zeigt sich die Agave ausgesprochen ausgewogen. Typisch sind Noten von gekochter Agave, Honigmelone, Birne und Zitrusfrüchten, begleitet von frischen Kräutern, weißem Pfeffer und einer angenehmen natürlichen Süße. Die beim Rösten in den Erdöfen entstehenden Raucharomen bleiben meist dezent und unterstreichen den eigentlichen Charakter der Agave, anstatt ihn zu überdecken.
Cuishe
Deutlich seltener ist die Agave karwinskii, zu deren Unterarten auch Cuishe gehört. Bereits optisch unterscheidet sie sich stark von klassischen Agaven. Statt einer flachen Rosette wächst sie nahezu baumartig auf einem langen Stamm, der mehrere Meter Höhe erreichen kann.
Bis zur vollständigen Reife vergehen häufig zwölf bis fünfzehn Jahre. Viele Pflanzen wachsen zudem wild und können nur in begrenzten Mengen geerntet werden. Entsprechend selten sind sortenreine Cuishe-Mezcals.
Mit zunehmendem Alter entwickelt die Agave ein ausgesprochen komplexes Aromenspektrum. Charakteristisch sind mineralische Noten, feuchte Erde, nasse Steine, Salbei, Fenchel und frische Kräuter. Im Vergleich zu Espadín tritt die Süße deutlich in den Hintergrund. Stattdessen dominieren Struktur, Präzision und Eleganz.
Tobalá
Die Agave potatorum, besser bekannt als Tobalá, genießt unter Mezcal-Liebhabern einen beinahe legendären Ruf. Die vergleichsweise kleine Wildagave wächst bevorzugt in felsigen Höhenlagen und benötigt meist zwölf bis fünfzehn Jahre bis zur Reife. Da ihre Piñas deutlich kleiner ausfallen als bei Espadín, ist der Ertrag entsprechend gering.
Dafür entwickelt Tobalá ein außergewöhnlich intensives Aromenspektrum. Tropische Früchte wie Mango, Papaya und Passionsfrucht verbinden sich mit Blütenhonig, Lavendel, Zitrusblüten und feinen Gewürzen. Trotz ihrer aromatischen Intensität bleibt die Agave bemerkenswert elegant und vielschichtig.
Tepeztate
Kaum eine Agave steht so sehr für Geduld wie die Agave marmorata, besser bekannt als Tepeztate. Sie wächst bevorzugt an felsigen Berghängen und benötigt häufig zwanzig bis dreißig Jahre bis zur Ernte. Diese außergewöhnlich lange Wachstumszeit macht sie zu einer der seltensten und begehrtesten Agavensorten Mexikos.
Sensorisch bringt Tepeztate intensive Kräuteraromen, Eukalyptus, Zitrusschalen, harzige Waldnoten und eine markante Mineralität hervor. Viele Mezcals dieser Agave besitzen darüber hinaus eine fast mentholartige Frische, die ihnen einen unverwechselbaren Charakter verleiht.
Tasting
Espadín – der zugängliche Klassiker
Espadín ist die mit Abstand wichtigste Agavensorte für Mezcal. Sie wächst vergleichsweise schnell, liefert konstante Erträge und bildet für viele Produzenten die Grundlage ihres Sortiments. Die Abfüllung erfolgt mit 38%.
Im Glas präsentiert sich der LAEPOCA Espadín angenehm offen und fruchtig, mit einer leichten Säure. Der Rauch wirkt zurückhaltend. Stattdessen stehen gekochte Agave, leichte Zitrusnoten und eine dezente Süße im Mittelpunkt. Dazu kommen Anklänge von frischen Kräutern. Die Nase wirkt zunächst nicht übermäßig kräftig, mit etwas Standzeit treten die süßeren Aroma immer mehr hervor.
Am Gaumen bestätigt sich dieser Eindruck. Der Mezcal wirkt ausgewogen, weich und zugänglich: Gekochte Agave, Zitrusschale, dunkle Schokolade, grüne Kräuter. Die Rauchigkeit begleitet das Destillat, drängt sich aber nicht in den Vordergrund. Hintenraus noch eine pfeffrige und florale Note. Der Abgang ist leider recht kurz.
Der Espadín ist eindeutig der Einsteiger in diesem Set und eignet sowohl zum Purgenuss als auch für Cocktails wie Margarita oder einen Las Almendras. Für den puren Genuss könnten ihm ein paar Prozent mehr gut stehen.
Cuishe – Wildagave mit Ecken und Kanten
Diese Wildagave benötigt deutlich länger bis zur Reife und entwickelt dabei ein wesentlich komplexeres Aromenspektrum. Dieser Mezcal wandert mit 46% in die Flasche.
Bereits in der Nase wirkt der Mezcal frischer, kräuteriger, saurer und voller. Florale Noten verbinden sich mit Zitrusfrüchten und tropischen Früchten, Kräutern, frischer Agave und einer fast steinigen Mineralität. Die Rauchigkeit erscheint trockener und feiner als beim Espadín.
Am Gaumen zeigt der Cuishe deutlich mehr Spannung: Mineralische Komponenten treffen auf grüne Kräuter, etwas Menthol, Nadelöl, weißen Pfeffer und ein elegantes Süße-Säure-Spiel. Die Rauchnote setzt sich im trockenen Abgang mit Aromen von grünem Paprika und wieder floralen Noten sehr angenehm in Szene. Besonders Liebhaber komplexer Spirituosen dürften hier auf ihre Kosten kommen.
Ensamble – ein komplexer Blend
Beim Ensamble werden vier unterschiedliche Agavensorten miteinander kombiniert: Espadín (40%), Cuishe, Tobalá und Tepeztate (je 20%). Jede bringt ihren eigenen Charakter in das Destillat ein – von fruchtigen und floralen Noten bis hin zu mineralischen und würzigen Komponenten. Auch diese Abfüllung erfolgt mit 46%.
Bereits im Duft zeigt sich eine noch größere aromatische Breite, sofern man ihm Zeit im Glas lässt: Rauch, reife tropische Früchte, Kräuter, etwas Anis, ätherisches Öl von verschiedenen Nadelbäumen, wieder etwas stärker gekochte Agave und Szechuanpfeffer wechseln sich ständig ab. Daneben etwas das mich dezent an Sojasauce erinnert.
Im Mund entsteht ein sehr harmonisches Gesamtbild: Süße Agave, fruchtige Akzente (rote Beeren, tropische Früchte, Grapefruit), feine Kräuterwürze und kräftige, mineralische Noten greifen ineinander. Die Rauchigkeit bleibt präsent, wirkt aber hervorragend integriert und unterstützt die übrigen Aromen, anstatt sie zu überdecken. Im Abgang dann noch ganz dezente Bitternoten. Im Mund hat der Ensamble die öligste Struktur und eine hervorragende Alkoholeinbindung.
Gerade dieser Mezcal verdeutlicht eindrucksvoll, warum es sinnvoll sein kann mehrere Agaven miteinander zu verblenden. Sie sind keine Kompromisse, sondern bewusst komponierte Destillate, die mehrere Agavensorten zu einem eigenständigen Geschmacksbild vereinen und es auch nach langem Probieren immer wider etwas zu entdecken gibt. Der Ensambles ist eindeutig mein Favorit des Tastings.
Fazit
Das LAEPOCA Mezcal Tasting Set ist mehr als eine Sammlung kleiner Probierflaschen. Es bietet einen durchdachten Einstieg in die Welt des Mezcals und zeigt eindrucksvoll, wie unterschiedlich traditionelle Agavendestillate aus Oaxaca ausfallen können. Und das in einem durchdachten und aufwendigen Packaging.
Der Espadín überzeugt durch seine Zugänglichkeit und Balance, der Cuishe richtet sich mit seiner mineralischen und komplexen Aromatik eher an erfahrene Genießer. Der Ensamble verbindet schließlich die Stärken verschiedener Agavensorten zu einem vielschichtigen Gesamtbild, das den größten Wiedererkennungswert besitzt.
Wer bisher glaubte, Mezcal bestehe vor allem aus kräftigem Rauch, dürfte nach dieser Verkostung seine Meinung überdenken. Damit eignet sich das LAEPOCA Tasting Set sowohl als Geschenk für neugierige Spirituosenliebhaber als auch als fundierter Einstieg für alle, die Mezcal nicht nur trinken, sondern verstehen möchten.
Cheers!