Nicolas Kröger ist einer der umtriebigsten Köpfe in der deutschsprachigen Spirituosen-Szene. Trotz seines jungen Alters – Nicolas ist Jahrgang 1990 – hat er bereits viel gesehen und mehr gemacht als manche alte Hasen der Branche. Er absolvierte eine Butler-Ausbildung in Südafrika, stand in London und auf den Malediven hinter den Tresen, wurde in Berlin später Inhaber des Rum-Depot und seiner eigenen Bar Wagemut. 

Einem größeren Publikum wurde Nicolas Kröger mit seinen Produkten bekannt. Sein Wagemut PX Cask* gilt als empfehlenswerter Einsteiger-Rum für all jene, die sich ernsthafter mit der Welt des Rum auseinandersetzen wollen. Zudem entwickelt er preisgekrönte Spirituosen für andere Marken, zu den bekanntesten zählt der Cinecane Popcorn Rum*, der von Tastillery vertrieben wird. Seit Neuestem importiert Nicolas Armagnac und sieht sich als Genussbotschafter der “unterschätztesten Spirituose der Welt”, um seine Worte wiederzugeben (sein ganzes Gespräch mit uns über Armagnac lest ihr hier). Über seine Projekte und Eindrücke berichtet er regelmäßig auf Instagram, YouTube und Facebook. Dort hat er eine eigene Gruppe gegründet – die Wagemut Taste Academy.

Ein beeindruckendes Pensum, bei dem zuweilen der rote Faden zu fehlen scheint. Oder hängt doch irgendwie alles zusammen, gibt es gar einen Masterplan? Das fragt man Nicolas Kröger am besten selbst. Eine Stunde sprachen wir mit ihm über Rum, Armagnac und seine Pläne für das Jahr 2021 und darüber hinaus. Er spricht schnell, und grätscht man nicht dazwischen, auch gerne viel. Er erklärt Hintergründe, berichtet leidenschaftlich von seinen Reisen und hält auch nicht mit seiner Meinung hinterm Berg.

Lest hier das Interview mit Nicolas Kröger:

Hallo Nicolas, du hast vor Kurzem einen neuen Rum in den Handel gebracht – den Selected Cask Community Home Base. Dabei handelt es sich um einen gelagerten Rum mit Rotwein-Finish. Was hat es mit der Marke auf sich und wieso heißt der Rum Home Base, also “Heimatbasis”?

Zunächst ein kurzer Blick zurück: Die Selected Cask Community war früher ein Abonnement. Jeden Monat brachten wir ein neues Einzelfass heraus und schickten unseren Mitgliedern eine 100ml-Probe des Rums. Jede Abfüllung war in Fasstärke, ungezuckert und ohne Zusatzstoffe. Gefiel einem die Abfüllung besonders gut, konnte man die 0,5-Liter-Flasche bei mir erwerben. Die Idee war, ständig neue Eindrücke zu erhalten, ohne gleich Hunderte Euros ausgeben zu müssen für etwas, das man nicht kennt. Um den Preis niedrig zu halten, haben wir alle Wege extrem kurz gehalten, Etiketten selbst gedruckt und die Flaschen nicht über Händler verkauft. Es ging mir stets um das beste Preis-Genuss-Verhältnis.

Selected Cask Community HomeBase
Der Selected Cask Community Home Base Rum, entwickelt von Nicolas Kröger

Wie teuer waren die SCC-Abfüllungen?

Der Durchschnitt lag bei etwa 36 Euro, in einem Fall sind wir sogar bis auf 27 Euro gekommen. Das ist echt eine Granate für eine Einzelfassabfüllung. Ein absoluter Kampfpreis.

Das Projekt Selected Cask Community endete nach zwei Jahren.

Nach zwei Jahren – also 24 Abfüllungen – habe ich gemerkt: Wenn ich so weitermache wie bislang, muss ich irgendwann Abstriche bei der Qualität machen. Ich hätte Fässer abfüllen müssen, die womöglich noch ein paar Monate gebraucht hätten. Das war keine Option. Ich habe deshalb pausiert, um einen größeren Bestand aufzubauen.

2020, mitten in der Corona-Pandemie, kam dann überraschend eine neue Abfüllung.

Ich wurde immer wieder darauf angesprochen. Und irgendwann dachte ich mir: Alles klar, Botschaft ist angekommen, Auftrag erkannt. Das Feedback für die 2020er Abfüllung war bombastisch, der Verkauf lief extrem gut.

Wie kamst du überhaupt auf die Idee der Selected Cask Community?

Ich beobachte den Markt schon lange und mich stören die Preise. Rum und Whisky sind häufig Investmentgelegenheiten, das macht den Markt für Genießer kaputt.  Einzelfassabfüllungen bestimmter angesagter Destillerien – warum auch immer die angesagt sind – gehen total durch die Decke, man denke nur an Hampden oder Caroni. Die sind mittlerweile unbezahlbar. Eine Einzelfassabfüllung für 350 Euro ist ja fast schon Standard. Das ist k****. Ich wurde ständig gefragt, welche Abfüllungen in Fassstärke ich empfehlen kann – doch alles, was ich mal probiert habe und cool fand, gibt es entweder nicht mehr oder kannst du halt für 400 Euro kaufen. Ich konnte keine Empfehlung mehr aussprechen. Das hat mich schon immer sehr gestört.

Also bist du selbst aktiv geworden.

Alle meine Produkte sind so entstanden: Wenn ich etwas nicht auf dem Markt gefunden habe, mache ich es eben selber. Und so entstand die SCC Home Base. Ich will damit eine konstante Einzelfassabfüllung herausbringen, was ein Widerspruch in sich ist. In diesem Fall sind es fünf Fässer, die zusammengefügt wurden. Diese Abfüllung wird kontinuierlich herausgebracht. Natürlich wird jede Charge geschmacklich minimal variieren, aber der Basis-Rum und die Art der Fässer sind identisch. Auch der Alkoholgehalt wird gleich sein. Ich habe mich für 51,5% entschieden. Aus den Fässern kam er mit etwas mehr als 52%, ich habe ihn also minimal reduziert damit es immer gleich ist. Trotz Beinahe-Fassstärke ist er bei diesem Alkoholgehalt sehr zugänglich.

Wieso 51,5 Volumenprozent?

Um die 50% ist in meinen Augen das Gleichgewicht aus Geschmack und Komplexität. Ich kenne das aus meiner Arbeit als Juror auf Spirituosenwettbewerben. Dort geht es auch nicht darum, ob mir die Spirituose schmeckt, sondern ich muss ihr Erscheinungsbild bewerten. Sprich: Wie ist die Komplexität, harmoniert alles? Meiner Meinung nach können Dinge auch ins Extreme abgleiten, solange trotzdem die Balance gewahrt wird. Ein Negativbeispiel dafür ist der Octomore: Das ist einfach ein Scheißwhisky. Bitte nicht falsch verstehen: Es ist in meinen Augen völlig okay, diesen Whisky zu mögen. Aber die Balance stimmt nicht. Ich trinke den selber gelegentlich ganz gerne, aber die Fasstärke dieses viel zu jungen Whiskys mit diesem enormen Rauch – da herrscht kein Gleichgewicht. Somit ist das Produkt nicht gut. Es ist die Herausforderung, das Gleichgewicht zwischen alkoholischer Stärke, Fassnoten, dem Körper und dessen Aromen zu finden. Das kann auch bei einem Rum mit mehr als 70 % der Fall sein. Aber das ist selten.

Die Home Base kennt man schon aus deiner Tasting Box, sie hat sich aber noch einmal verändert.

Die Homebase aus dem Tasting-Kit kann man ausschließen. Das war mein erstes Experiment. Die jetzige Abfüllung ist der Standard, wobei sich noch einmal etwas in naher Zukunft ändern wird: Die erste, derzeit erhältliche Charge wird ein Unikat bleiben, weil ich an keine Fässer mehr von der West Indies Distillery herankomme. Ich wechsle ab Charge 2 auf Foursquare.

Nicolas Kröger bei der Fassprobe
Nicolas Kröger in seinem Element

Wie kompliziert ist es, den Rum neu auszutarieren?

Ich habe lange daran gearbeitet, sodass die Veränderung minimal ausfällt. Foursquare ist ja eine sehr vielfältige Rum-Destillerie, man kann die unterschiedlichsten Stile von dort beziehen. Abgesehen vom Namen wird es keine großen Veränderungen geben. Ich behaupte, in der Blindverkostung wäre das kaum jemanden aufgefallen.

Dein Selected Cask Community Home Base zeichnet sich durch ein Rotwein-Finish aus. Wie gehst du dafür vor?

Ich habe mich für Fässer von Zweigelt entschieden. Ein Finish mit Rotweinfässern ist extrem komplex. Denn Rotwein oxidiert. Um das zu verhindern, wird der Wein mit Schwefel behandelt. Das Problem: Um das Fass transportsicher zu machen und zu konservieren, um es erneut nutzen zu können, wird es geschwefelt. Man stellt eine Schwefelkerze hinein, macht das Fass zu und der Schwefel sorgt dafür, dass der restliche Wein, der sich noch im Fass befindet, nicht oxidiert und keinen Essigstich bekommt. Allerdings ist Schwefel echt übel, deshalb kriegt man bei schlecht gemachtem Wein auch den übelsten Kater am nächsten Tag. Zudem beeinflusst er den Geschmack negativ. 

Warum fiel deine Wahl auf Fässer von Zweigelt?

Rotwein enthält viele Bitterstoffe. Ich habe viel mit Weinen aus Italien und Frankreich experimentiert, verschiedene Fässer benutzt, aber hatte dann immer das Adstringierende. Der Rum selbst hat ja schon zehn Jahre gelagert, da zieht man förmlich den Mund zusammen. Das ist ein sehr spezieller Stil. Ich wollte aber eine massentaugliche Abfüllung und nicht das nächste Nerd-Produkt entwickeln. Und so bin ich am Ende bei Österreich gelandet. Dabei ist das ist ja nicht die bekannteste Rotwein-Nation.

Zweigelt hat bei Kennern nicht den besten Stand, weil es eher leichte, fruchtige Weine ohne Tannine herstellt. 

Um auf den Schwefelprozess zu verzichten gehe ich ganz anders vor: Ich schicke dem Weingut etwas Rum von mir direkt zu. Sobald die Rotweinfässer entleert werden, werden sie einmal ausgespült und dann kommt der Rum direkt ins Fass, quasi als Konservierung zum Transport. Die Fässer werden dann direkt zu mir geschickt und der Rum kann hier final reifen. So bekomme ich den enormen Rotweincharakter in den Rum.

Aber das lässt sich nicht skalieren, oder?

Doch, klar. Die Weingüter freuen sich einen Kullerkeks, dass wir die Fässer noch einmal so nutzen.  Ich würde ohne Ende an Fässer kommen, das ist kein Problem.

Wie ist das Feedback des SCC Home Base?

Gerade was das Preis-Genuss-Verhältnis angeht bekomme ich viel Lob. Ich kenne keinen anderen Hersteller, der so viel Aufwand in das Finish steckt. Man bekommt ja oft nur Rotweinfässer aus Frankreich oder Italien. Das Rotwein-Thema ist dadurch in der Fasswelt nicht besonders verbreitet, in der Masse spielt es kaum eine Rolle. Dadurch ist der Rum massentauglich und speziell zugleich.

Was ist mit Blick auf das Projekt Selected Cask Community zu erwarten?

Die Home Base wird eine konstante Abfüllung sein. Dieser Rum soll immer auf dem Markt erhältlich sein, immer mit dem dreimonatigen Fass-Finish. So wie es den Wagemut PX Cask kontinuierlich gibt. Und ich habe schon weitere Pläne: Die Selected Cask Community geht nächstes Jahr wieder los, allerdings etwas anders als früher. Anstatt jeden Monat ein Paket zu verschicken peile ich nun alle zwei Monate an. Monatlich war einfach zu viel. So kann ich auch mit den Fässern besser spielen. 

Kannst du schon Details verraten, was uns erwartet?

Ich denke über eine Tasting Box nach im Stil der Wagemut Box. In dieser sind sechs Proben enthalten – die sechste Probe ist jeweils das aktuelle Einzelfass als 20-ml-Probe. In den restlichen fünf Proben möchte ich die Menschen an meinen Eindrücken aus der Spirituosenwelt teilhaben lassen. Ich reise sehr viel und entdecke ständig abgefahrenes Zeug. Das kann ich nicht alles an den Mann bringen, aber ich möchte meine ganzen Eindrücke mit der Welt teilen. Ich habe lange nach einem Weg gesucht, wie ich die Leute auf die Reise mitnehmen kann. Ich will den Leuten zeigen, was Spirituosen sein können.

Man wird also nicht nur Rum in der Box finden?

Es wird alles geben. Einen zehn Jahre gelagerten Pinot des Charentes, der eine schön nussige Note hat. Destillate aus der Cashewfrucht aus Indien. Es gibt einfach unglaublich viel geilen Kram, den niemand auf den Schirm hat. Und ich werde die Hintergründe der Produkte erklären. Wenn ich in Thailand bin, kaufe ich die benötigte Menge für alle Abonnenten und nehme vor Ort direkt Videos auf, zeige die Produktion und verkoste das Produkt vor Ort. Es geht um Vielfalt und um Qualität, diese beiden Welten kombiniere ich. Es wird eine sensorisch vielfältige Reise in einer Box.

„Es gibt einfach unglaublich viel geilen Kram, den niemand auf den Schirm hat“

Nicolas Kröger

Das klingt spannend und wir freuen uns auf diese Entdeckungsreise. Noch einmal zurück zu deinen aktuellen, bereits erhältlichen Produkten. Zuletzt ging es viel um deinen Spiced Rum, der mit “Ida van der Ille” einen neuen Namen bekommen hat – zum dritten Mal. Was ist da los?

Ich bin eher Purist und war der Meinung, Qualität setzt sich am Ende immer durch. Was war ich naiv. Ich hatte unterschätzt, welchen Einfluss die Wahl der Flaschen und die Gestaltung haben – die Tonflasche des Spiced Rums war eine Katastrophe und zu zerbrechlich. Der Wachsverschluss war ebenfalls ein Flop. Den Namen Spiced hat auch keiner verstanden, viele dachten an “Chili”, dabei sind da Vanilleschoten drin. Dann wechselten wir auf den Namen Frühstücksrum, aber das wirkte unprofessionell. Jetzt haben wir das einmal ordentlich gemacht und sind super zufrieden. 

Dein Ida van der Ille hat einen eigenen Namen, der zunächst keinen Rückschluss auf dich zulässt. Beim PX Cask steckt das Wagemut jedoch im Namen. Wie passt das zusammen?

Wagemut ist der Oberbegriff, und der PX Cask ist unser Flaggschiff. Mit diesem Rum präsentieren wir uns und erreichen die Leute, die wir erreichen wollen – die Genießer. Er ist gewissermaßen der Einstieg in unsere Genussreise. Die Home Base gibt es nun für alle, die sich an Fassstärke herantasten wollen. Wagemut ist nicht einfach ein Spirituosenhersteller, wir sehen uns als Genussverbesserer. Mir ist jetzt schon klar, dass ich mit der Tasting-Box kaum Geld verdienen werde, aber da haben wir einfach Lust drauf. Es geht nicht nur darum, guten Rum herzustellen. Sondern darum zu verstehen, warum ich diese Leidenschaft habe. Spirituosen sollten genauso zelebriert werden wie Wein oder gutes Essen. Dafür setzen wir uns ein.

Hier geht es weiter zum zweiten Teil des Gesprächs mit Nicolas Kröger über Armagnac

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