Es gibt diesen Moment beim geselligen Trinken, den niemand gern zugibt: Man stellt eine alkoholfreie Flasche auf den Tisch und entschuldigt sich innerlich vorsorglich. “Probier mal, ist erstaunlich gut für alkoholfrei.” Dieses “für” ist der Haken. Es ist das Getränke-Äquivalent zu “hat einen guten Charakter”.
Und lange hatte dieses “für” seine Berechtigung, auch bei mir. Was in den Regalen stand, war häufig Traubensaft mit Kohlensäure oder ein Wein, dem man den Alkohol entzogen hatte und mit ihm alles andere. Man trank diese Sachen, weil man fahren musste oder Antibiotika nahm oder sich den Dry January auferlegte. Die Kategorie hat sich seither gemacht, wir haben hier mehrfach darüber geschrieben, beim Bar Convent Berlin uns durch diverse Produkte probiert, die lange schon kein Ersatz mehr sein wollen. Bei den vier Flaschen von LUST & FEAST, die wir in diesem Artikel vorstellen, ist das “für” aber gar nicht mehr nötig.
Kein Wein, dem etwas fehlt
Der wichtigste Punkt vorweg, weil er alles andere erklärt: Das hier ist kein entalkoholisierter Wein. Es ist überhaupt kein Wein. Keine Trauben, keine Gärung, folglich nichts zu entziehen. Die Hersteller ziehen Botanicals in kühlen Edelstahltanks kalt in Wasser aus, filtern, balancieren mit Süße und Säure und setzen am Ende Kohlensäure zu. Was in der Flasche landet, hat nie Alkohol enthalten. Die 0,0 Prozent sind kein Restwert, vielmehr der Ausgangszustand.
Das klingt technisch, macht aber den ganzen Unterschied. Beim klassischen alkoholfreien Sekt nimmt man etwas weg, und man schmeckt oftmals die Lücke. Hier baut jemand von der anderen Seite. Deshalb erinnert das Ergebnis nicht an Sekt, sondern an einen sehr fein komponierten kalten Kräuterauszug mit ernstzunehmender Perlage, und das funktioniert genau in dem Moment, in dem man sonst Sekt aufmacht.
Dahinter stehen zwei Jugendfreunde aus der Region Stuttgart, Thomas Himmer und Dennis Schäfer, ein Jurist und ein Marketingmann. Im Frühjahr 2022 suchten sie etwas Gehobenes, das man pur trinken kann, fanden nichts und probierten laut eigenen Aussagen in der Küche herum, inspiriert vom Prinzip des Teekochens. Über hundert Kräuter, Blüten und Früchte später standen Ende 2022 die ersten drei Rezepturen. 2023 kam die GmbH, zum Jahreswechsel 2023/24 der Marktstart. Heute sind es fünf Sorten, vier davon regulär zu haben.
Die Fachwelt reagierte schneller als der Handel: BUCCO gewann 2024 den World Beverage Innovation Award in der Kategorie alkoholfreie Getränke, Falstaff vergab zwischen 94 und 96 Punkten. Im Supermarkt sucht man die Flaschen meist trotzdem noch vergeblich, selbst in den gut sortierten Edekas und Rewes in Hamburg.
Was man sofort sieht, wenn die Flasche auf dem Tisch steht: Die Aufmachung stimmt. Schwere Sektflasche, Naturkork, dazu ein schönes Etikett. Weil die Marke jung und noch nicht verbraucht ist, zieht die Flasche neugierige Blicke auf sich. Wer je versucht hat, einer geselligen Runde eine alkoholfreie Alternative anzudienen, weiß, was das wert ist: Die halbe Überzeugungsarbeit erledigt die Flasche, bevor man einschenkt.
Bleibt die Frage, ob es schmeckt. Tut es.
Die vier Sorten
MAGNOLIA war unser Favorit, mit Abstand und über alle Runden hinweg. Rubinrot im Glas, floral in der Nase, ohne parfümiert zu wirken, dahinter dunkle Beeren und eine zitrische Frische. Am Gaumen kommt zuerst die Brombeere, dann übernimmt die herbe Seite: Magnolienblüte und Hopfen fangen die Süße ein, die Kohlensäure hält alles aufrecht. Die Flasche ist fruchtig genug, um unkompliziert zu gefallen und herb genug, um zum Essen zu bestehen, am besten zu allem, was nach Sommer schmeckt.
ROSE ist der bequemste Einstieg. Helles Rosé, in der Nase deutlich Damaszenerrose – das klingt nach Parfüm und ist es nicht, weil Kardamom Würze hineinbringt und Kakao im Hintergrund eine dunklere Note setzt. Am Gaumen erst weich und süßlich, dann Kräuter und eine feinherbe Bitterkeit, die das Bonbonhafte verhindert. Wir waren wirklich skeptisch, weder meine Frau noch ich sind große Rosenfans. Aber wir wurden positiv überrascht.
BUCCO ist der Eigenwillige, die einzige Sorte, bei der unsere Runde bei einem geselligen Samstagsfrühstück nicht einer Meinung war. Das südafrikanische Buchu-Blatt bringt eine Aromatik mit, die entfernt an schwarze Johannisbeere erinnert, dazu Minze und Muskatblüte, kühl und kräutrig. Im Mund beginnt es weich und fast süßlich, wird dann rasch herber und erwachsener. Dieser Wechsel hat uns gefallen, aber auch nicht vollends abgeholt. Everybody’s Darling ist das nicht, dafür hat es Charakter. Eher eine Flasche, die man neben salzige Snacks stellt.
JUNIPER ist die kantigste der vier getesteten. Wacholder dominiert, Tonkabohne (lieben wir) bringt eine warme, beinahe vanillige Note, Aronia dunkle Frucht und Gerbstoff. Nach kurzem süßen Auftakt wird der Drink trocken und bitter, Kräuter und Zitrus bleiben lange stehen, die Kohlensäure schiebt nach. Wer alkoholfreie Getränke sonst zu gefällig findet, fängt hier an. Zu gereiftem Käse und kräftigen Vorspeisen macht das mehr Freude als mancher Weißwein.
Die fünfte Sorte, CINNAMON mit Zimtblüte, Salbei und Vanille, hatten wir nicht im Glas. Sie ist die winterliche und war zuletzt ausverkauft, bei Falstaff ist sie mit 96 Punkten die bestbewertete der Familie. Dazu melden wir uns, wenn es kälter wird, wir behalten den Shop im Auge.
Zwei Einwände
Erstens die Flaschengröße. Es gibt nur 0,75 Liter, und geöffnet sollte die Flasche innerhalb von zwei Tagen weg sein. Das macht LUST & FEAST zu einem Getränk für Gesellschaft, nicht für den Dienstagabend allein auf dem Sofa. Eine 0,375-Liter-Flasche fehlt im Sortiment.
Zweitens der Zucker. Der Hersteller gibt je 100 Milliliter rund 8,9 bis 10,5 Gramm an, das merkt man dann auch. Aber es kippt nie in dieses Limonadenhafte, das so viele alkoholfreie Aperitifs am Ende doch verrät – dafür sorgen Bitterstoffe, Säure und die kräftige Perlage. Auf dem Papier steht die Zahl trotzdem. Und 15,90 Euro sind für 0,75 Liter Wasser mit Pflanzenauszügen ein Premiumpreis; man zahlt für die Komposition und den Auftritt.
Zu haben sind die Flaschen im eigenen Onlineshop, der nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz liefert, dazu bei spezialisierten Händlern für Alkoholfreies und in einzelnen Feinkostläden; Sets mit vier oder sechs Flaschen kosten etwas weniger. Serviert wird gut gekühlt, und lieber im Weinglas als in der Sektflöte, weil die Aromen Platz brauchen. Auf Eis funktioniert ebenfalls, JUNIPER mit einer Scheibe Grapefruit, BUCCO mit etwas Zitronenzeste.
Allen, die bei uns mitgetrunken haben, hat es geschmeckt, über mehrere Frühstücke und Abende und in wechselnder Besetzung. Unsere Mutter, die seit Jahren nur noch alkoholfrei trinkt, ließ sich die Rose nachschenken. Falstaff-Punkte sind schön. Aber das ist das Urteil, das bei mir zählt.
Von uns eine klare Empfehlung. Und der Hinweis, mit der Magnolia anzufangen.
Nachtrag: der Tee
Zwischen Verkostung und Online-Artikel sind zwei Flaschen dazugekommen, die keine Aperitifs mehr sind. TROPICAL SENCHA und BERRY DARJEELING laufen im Haus als Sparkling Tea, und der Ansatz scheint der gleiche zu sein wie bei den Aperitifs, nur mit anderem Zentrum: Statt Kräutern und Blüten trägt hier der Tee, ergänzt um Aromen, die ihm entweder folgen oder widersprechen. Der Sencha wird mit Grapefruit, Ananas und Mango gepaart gegen die feine Bitterkeit des grünen Tees. Der Darjeeling ist himbeerrot, mit Himbeere, Hibiskus und einem Zug Lemongras, dahinter die Gerbstoffe des schwarzen Tees. Beides sind bislang ausschließlich Herstellerangaben; ich selbst konnte sie noch nicht probieren. Zwei Zahlen fallen trotzdem auf: 12,90 Euro statt 15,90 – und 5,5 Gramm Zucker je 100 Milliliter, gut die Hälfte dessen, was in den Aperitifs steckt. Das klingt nach genau der Flasche, die ich oben vermisst habe. Zurzeit sind beide ausverkauft. Wenn sie kommen, stehen sie bei uns im Kühlschrank.