Wenn heute von französischen Kräuterlikören die Rede ist, fällt meist zuerst der Name Chartreuse, danach häufig der Name La Gauloise. Dabei existiert im Zentralmassiv Frankreichs eine weitere, kaum weniger traditionsreiche Kräuterlikör-Spezialität: Verveine du Velay. Seit mehr als 165 Jahren wird der Likör in Saint-Germain-Laprade hergestellt und gehört zu den bekanntesten Spirituosen der Auvergne. Das aromatische Herzstück ist die Zitronenverbene, eine Pflanze mit intensivem Zitronenaroma, die dem Likör seinen unverwechselbaren Charakter verleiht.
Wir haben die drei Liköre in unsere Stammbar – dem Roaring Twenties – mitgebracht und sie pur und in einem Cocktail getestet. Die Drinks hat Alec-Dominik Loße spontan gemixt. Sie sind allesamt sehr gut geworden.
Die Geschichte des Likörs
Die Geschichte beginnt im Jahr 1859. In dieser Zeit beschäftigte sich der Apotheker Joseph Rumillet-Charretier intensiv mit Heilpflanzen und deren aromatischen Eigenschaften. Besonders fasziniert war er von der Zitronenverbene, deren frischer Duft an Zitronenschalen, Zitronenmelisse und blumige Kräuter erinnert.
Aus seinen Experimenten entstand ein Kräuterlikör, der sich von den damals üblichen Spirituosen unterschied. Die Zitronenverbene wurde mit zahlreichen weiteren Kräutern und Gewürzen kombiniert und zu einem komplexen Likör verarbeitet. Die Rezeptur erwies sich als großer Erfolg, sodass die Produktion stetig ausgeweitet wurde.
1886 übernahm Victor Pagès die Brennerei. Unter seiner Führung entwickelte sich die Verveine du Velay von einer regionalen Spezialität zu einer der bekanntesten Kräuterlikör-Marken Frankreichs. Der Name Pagès wurde zum Synonym für Verveine du Velay und ist es bis heute geblieben.
Trotz verschiedener Eigentümerwechsel und der Übernahme durch die Gruppe Renaud-Cointreau in den 1980er Jahren blieb die historische Identität des Hauses weitgehend erhalten. Die Herstellung erfolgt noch immer in Saint-Germain-Laprade, wo die Marke tief in der regionalen Kultur verwurzelt ist.
Die Herstellung
Die Grundlage aller Verveine du Velay-Liköre bildet die Zitronenverbene. Diese ursprünglich aus Südamerika stammende Pflanze wurde bereits im 18. Jahrhundert nach Europa gebracht und entwickelte sich rasch zu einer beliebten Heil- und Duftpflanze. Für die Verveine du Velay wird, die im Juni selbst angebaute Verbene, vor dem ersten Frost geerntet, die Blätter getrocknet und anschließend zusammen mit einer geheimen Mischung aus über dreißig Kräutern, Gewürzen und Pflanzen verarbeitet. Die genaue Zusammensetzung wird bis heute streng gehütet. Bekannt ist lediglich, dass neben Verbene unter anderem verschiedene Gewürze, Alpenkräuter und aromatische Samen Verwendung finden.
Ein Teil der Botanicals wird mazeriert, ein anderer Teil separat destilliert. Die gewonnenen Extrakte und Destillate werden anschließend miteinander vermählt. Je nach gewünschtem Stil folgen Süßung, Fasslagerung oder die Zugabe weiterer Komponenten wie Cognac. Erst nach einer längeren Reifezeit gelangen die Liköre in die Flasche.
Verveine du Velay Verte
Der grüne Verveine ist die ursprünglichste Interpretation der historischen Rezeptur. Mit 55 Prozent Alkohol besitzt er den gleichen hohen Alkoholgehalt wie der Chartreuse. Die Nase wird von frischer Zitronenverbene, Minze, Anis, Kräutern und ätherischen Ölen geprägt. Dahinter erscheinen Noten von Piniennadeln, Zitruszesten und würzigen Kräutern.
Am Gaumen wirkt der Verte konzentriert und vielschichtig. Trotz des hohen Alkoholgehalts bleibt er erstaunlich ausgewogen. Die Frische der Verbene dominiert das Geschmacksbild, begleitet von einer Süße und einer langen, kräuterwürzigen, aber nicht bitteren Struktur. Die süße ist spürbar, aber noch nicht zu aufdringlich.
Im Drink wollen die intensiven Kräuter-Aromen von einer potenten Spirituose gekontert werden. Das gelang in der Nuclear Daiquiri bestens. Ohne zusätzlichen Zucker war der Drink zunächst etwas zu sauer, ein BL Zuckersirup stellte dann die perfekte Balance her.
Nuclear Daiquiri
Zutaten
- 30 ml Lord Byron Fire Cane Overproof
- 25 ml Pagès Verte
- 25 ml Limettensaft
- 1 BL Zuckersirup
Alle Zutaten kräftig shaken und in eine vorgekühlte Coupette abseihen.
Verveine du Velay Jaune
Die gelbe Version verfolgt einen anderen Ansatz. Mit 40 Prozent Alkohol ist sie deutlich zugänglicher und weicher als der Verte. Die Kräuteraromen bleiben erhalten, werden jedoch von einer stärkeren Süße und einer runderen Textur begleitet.
In der Nase treten Honig, kandierte Zitrusfrüchte und warme Gewürze stärker hervor. Die Verbene bleibt präsent, wirkt jedoch weniger dominant als bei der grünen Version. Den Anis finde ich aber auch hier deutlich.
Am Gaumen entfaltet der Jaune eine angenehme Balance zwischen Süße und Kräuterwürze. Er wirkt sanfter, geschmeidiger und harmonischer. Dadurch eignet er sich besonders für Einsteiger oder für Genießer, die hochprozentigere Kräuterliköre als zu intensiv empfinden.
Im Vergleich zur Verte steht hier weniger die Konzentration der Kräuteraromen im Mittelpunkt als vielmehr deren elegante Einbindung in ein rundes und zugängliches Gesamtbild. Auch diese Version bringt keine Bitteraromen mit.
In der Rusty Nail Interpretation kommt der Jaune gut zur Geltung und gibt dem Drink mehr Komplexität als der Drambuie, obwohl der Monkey Shoulder das Geschehen leicht dominiert. Der Honig ist vorallem im Nachgang präsent. Gefällt mir besser als das Original mit Drambuie.
Rusty Nail
Zutaten
- 50 ml Monkey Shoulder
- 30 ml Pagès Jaune
- 5 ml Honigsirup
- 3 Dash Lemon Bitters
Alle Zutaten im Rührglas mit viel Eis kalt rühren und in einen Tumbler mit großem Eisblock abseihen.
Verveine du Velay Extra
Der Extra basiert auf derselben Kräutergrundlage, wird jedoch zusätzlich mit Cognac veredelt und länger gereift. Abgefüllt wird mit 40%.
Diese zusätzliche Reifezeit verändert den Charakter des Likörs deutlich. Die frischen Kräuteraromen treten etwas zurück und machen Platz für komplexere Noten von Vanille, Trockenfrüchten, Honig, Gewürzen, Orangenzesten und feinem Holz.
Am Gaumen wirkt der Extra weich, elegant und ausgesprochen vielschichtig. Die Verbene wandelt sich auch am Gaumen Richtung Orange oder Blutorange. Die Kräuter gehen in den Hintergrund, die Süße wirkt sehr gut balanciert. Dadurch entsteht ein harmonisches und leicht weihnachtliches Geschmacksbild. Der Extra hat uns am meisten überzeugt.
Auch im Cocktail funktioniert der Likör hervorragend und fügt sich wunderbar mit ein.
Smoky Orange Mezcalita
Zutaten
- 30 ml Topanito Mezcal
- 30 ml Pages Extra
- 30 ml Orangensaft
- 20 ml Limette
- 10 ml Amaro Montenegro
Alle Zutaten mit viel Eis kräftig shaken und in eine vorgekühlte Coupette abseihen.
Fazit
Die Verveine du Velay von Pagès ist ein Klassiker der französischen Spirituosenwelt. Die Geschichte reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück und spiegelt eine Zeit wider, in der Kräuterkunde, Pharmazie und Destillationskunst eng miteinander verbunden waren. Mit der kraftvollen Verte, der harmonischeren Jaune und der eleganten Extra bietet Pagès drei unterschiedliche Interpretationen derselben Idee. Jede von ihnen zeigt eine andere Facette und beweist, wie vielseitig ein traditioneller Kräuterlikör sein kann. Der Verte bietet nicht exakt die selben Aromen wie der Chartreuse, als Alternative kommt er aber definitiv in Frage. Und besser im Preis ist er seid der Chartreuse-Verknappung auch.
Cheers!