47 Prozent und eine Brennerei: Warum Nicolas Kröger beim Freimeister-Kollektiv einsteigt

Nicolas Kröger übernimmt 47 Prozent des Freimeister-Kollektivs und hat endlich eine Brennerei. Was hinter dem Deal steckt.

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Seit über zehn Jahren macht Nicolas Kröger Rum, bisher allerdings ohne eigene Brennerei. Seine Marke Wagemut kauft ein, blendet, füllt ab. Nun hat der Rum-Youtuber 47 Prozent des Berliner Freimeister-Kollektivs übernommen, inklusive der Brennanlage im Kreuzberger Hinterhof. Auf dem Weg dorthin sind ein Projekt auf Bali und eine fast fertige Übernahme auf Madeira gescheitert. Im Gespräch erklärt Nicolas, was er mit der Anlage vorhat, warum er die Investition selbst “reine Ideologie” nennt und was passiert, wenn ihm ein Produkt aus dem eigenen Haus künftig nicht schmeckt. Eine Members-Bar in der FMK-Zentrale ist übrigens auch schon in Planung.

Das Interview mit Nicolas Kröger

Nicolas, du machst seit über zehn Jahren Rum, bislang ohne eigene Brennerei. Was war der Moment, in dem Du gesagt hast: Blenden allein reicht nicht mehr?

Nicolas Kröger: Diesen Moment gab es so eigentlich nicht. Mir war von Anfang an klar, dass ich eine eigene Brennerei brauche. Ich hatte nie vor, einfach nur zu blenden. Aber die Einstiegshürde, fertigen Rum einzukaufen und damit weiterzuarbeiten, war natürlich deutlich geringer. Ich bin also nicht über das Blenden auf die Idee gekommen, dass eine eigene Destillerie ja auch ganz nett wäre. Ich wollte immer eine.

In sozialen Netzwerken hast du mehrfach erzählt, dass der erste Anlauf doch aber gar nicht in Deutschland stattfinden sollte.

Kröger: Ursprünglich war der Plan Bali. Aber da habe ich relativ schnell gemerkt: Diese ganzen Hürden, das Rechtssystem, die andere Kultur – das ist mir alles total fremd. Ich habe ja zwar früher ein bisschen als Schwarzbrenner gearbeitet, aber ich habe noch nie eine professionelle Destillerie operativ betrieben. Das gleichzeitig zu lernen und dazu noch alles über ein Land und dessen Rechtsformen, das war zu viel auf einmal. Also habe ich es runtergebrochen: Ich schnappe mir etwas, wo ich zumindest die Grundgesetze kenne, sprich Europa. Und da kam mir Madeira in den Sinn.

Da warst du kurz davor.

Kröger: Ich war letztes Jahr allein drei Mal auf Madeira. Wir waren dabei, eine bestehende Destillerie samt Bestand zu kaufen. Das wäre natürlich cool gewesen, weil ich nicht bei null hätte anfangen müssen, sondern gleich gereiften Bestand hätte verkaufen können. Es ist dann in letzter Instanz an einer Erbensache geplatzt, das war richtig nervig. Und die Behörden standen mir auch im Weg: Ich wollte Melasse destillieren, und das lässt Madeira nicht zu. Die haben mir keine Lizenz gegeben, weil sie ihr Rhum-Agricole-Thema aufbauen und schützen wollen. Also habe ich gesagt: Dann brechen wir es noch weiter runter. Hauptsache, ich bekomme das Ding endlich mal ins Rollen! Es hat schon an mir genagt, dass ich immer noch keine eigene Brennerei betreibe.

Jetzt betreibst du eine – über einen Anteil von 47 Prozent. Das ist eine auffällige Zahl: nah an der Hälfte, aber eben nicht die Mehrheit. Verhandlungsergebnis oder Absicht?

Kröger: Halbwegs Zufall, ehrlich gesagt. Klassisch macht man ja eher 49 zu 51, damit der Gründer die Kontrolle behält. Der Gründer ist Theo Ligthart, und Theo hatte ein paar Gesellschafter mit im Boot. Primär haben wir deren Anteile abgekauft, und von Theo dann noch ein bisschen was. Ich weiß offen gesagt gar nicht, wie die 47 Prozent zustande gekommen sind. Ich dachte, es wären 49. Theo hat mich heute Morgen korrigiert. Da merkt man wieder: Nico und Zahlen.

Blicken wir auf den aktuellen Markt. Große Häuser streichen Marken, kleine Brennereien geben vermehrt auf. Und du kaufst dich in dieser Lage in eine Brennerei ein. Ist das Mut, gutes Timing oder war der Preis einfach günstig, weil gerade niemand kauft?

Kröger: Da kommen mehrere Aspekte zusammen. Nummer eins ist die Synergie zwischen Freimeister und mir. Ich bin ja nicht irgendein Investor, der Geld reinpumpt. Ich bringe einen Mehrwert mit: das Vertrauen meiner Community. Ich bin überzeugt, dass ich damit die Verkaufszahlen des Freimeister-Kollektivs fördern werde. Der andere Aspekt – das braucht man auch nicht schönreden – ist ganz klar der finanzielle. Mir wurden die Anteile nicht geschenkt, es ist Geld geflossen.

Du hast erklärt, was du für das Kollektiv mitbringst. Was ist die andere Hälfte der Medaille? Offen formuliert: Ist das ein Zweckbündnis? Die haben eine Anlage, die vermutlich nicht rund um die Uhr läuft, du hattest keine. Wie viel davon ist Freundschaft, wie viel Auslastungsrechnung?

Kröger: Das fließt alles zusammen. Für mich ist der Vorteil, dass ich eine bestehende Destillerie zur Verfügung habe, ohne mich um Regularien zu kümmern, ohne eine Anlage zu installieren – das ist ja ein immenser Aufwand. Dazu kommt die Bündelung der Ressourcen: Wir brennen beim Freimeister-Kollektiv unseren Gin und produzieren Rum. Bisher war es ja immer dieses “Was bin ich denn jetzt?”: Rum-Produzent war technisch gesehen nicht ganz richtig, und das hat mich gestört. Für mich ist es der nächste logische Schritt, damit ich mich völlig authentisch als Rum-Produzent bezeichnen kann. Und umgekehrt: Produkte, die sich beim Freimeister-Kollektiv besser verkaufen, werden logistisch dann eben über uns abgewickelt. In diese Richtung gibt es viele Synergien.

Nicolas Kröger und Theo Ligthart vom Freimeisterkollektiv
Nicolas Kröger und Theo Ligthart vom Freimeisterkollektiv

Rum aus Berlin ist rechtlich möglich, in der Szene ist Rum aus Deutschland mitunter aber ein Reizthema. Was willst du mit der Anlage konkret machen, was es in Jamaika oder auf Barbados nicht gibt?

Kröger: So kann man das nicht sagen. Wir produzieren dort einmal den Gin, der sich übrigens richtig gut verkauft, das ist nicht zu unterschätzen. Bisher haben wir uns dafür immer bei bestehenden Destillerien eingemietet. Und dann Rum. Wir gehen eher in Richtung High-Ester-Rum, um ein charakterstarkes Destillat zu erzeugen. Wir können ja nicht mit Terroir spielen, wir können nicht mit frisch gepresstem Zuckerrohr arbeiten und die Gegend und die Natur sprechen lassen. Ich kaufe Melasse ein und verarbeite sie in Berlin zu High-Ester-Rum. Was wir daraus machen, steht noch in den Sternen. Ich bin da ja selbst immer ein bisschen kritisch, was das deutsche Rum-Thema angeht, obwohl es natürlich auch tolle Produkte wie etwa die von Werner Huber gibt. Aber oft fehlt der Sex-Appeal, weil hier eben kein Zuckerrohr wächst. Der Gedanke ist, dass ich vor allem mit deutschen Hölzern spiele. Der Rum, der hier hergestellt wird, soll ausschließlich in deutschen Hölzern reifen – deutsche Eiche und Kastanie stehen im Vordergrund. Damit wenigstens ein Aspekt von Heimat drinsteckt.

Das hättest du auch ohne eigene Destillerie machen können.

Kröger: Ich möchte eine Rum-Destillerie betreiben, weil es etwas mit mir macht, weil es in mir drin etwas auslöst – wodurch ich anders vor die Leute trete, anders spreche. Ich bin fundamental davon überzeugt, dass Menschen den Unterschied merken, ob jemand authentisch ist oder nicht. Du kannst den Leuten nur sehr begrenzt etwas vormachen, auf Dauer geht das nicht gut. Wir haben doch das Feingefühl für: Irgendwas stimmt mit dem Typen nicht. Oder im Gegenteil: Bei dem habe ich ein gutes Gefühl.

Trotzdem steckt Geld drin. Willst du den Effekt irgendwann messen können in Litern, in besserer Marge, in Unabhängigkeit von Lieferantenpreisen? Oder ist das ein Jugendtraum, der wirtschaftlich eigentlich nicht schlau ist?

Kröger: Bei so einem Projekt steht das Geld nicht an erster Stelle. Es geht um die Leidenschaft, die hinter der ganzen Idee des Freimeister-Kollektivs steckt und natürlich um die Synergien, die diese Konstellation jetzt hebt: das, was ich handwerklich kann, plus die Community, die ich habe. Ich war damals einer der allerersten Freimeister, und ich stehe seit vielen Jahren dahinter. Wenn ich mit meiner Reichweite jetzt echten Mehrwert für ein anderes Haus schaffen kann und dabei mit dem, was ich ohnehin mache, Geld verdiene – dann ist das doch die beste aller Varianten.

Womit wir beim kritischen Teil sind: Du bist jetzt Miteigentümer eines Hauses, dessen Produkte Du bisher frei beurteilt hast. Was passiert, wenn dich eine FMK-Abfüllung künftig nicht überzeugt? Sagst du das öffentlich?

Kröger: Darauf kannst Du Dich aber sowas von gefasst machen. Ich habe mir das komplette Freimeister-Sortiment schicken lassen, und im Studio werde ich alle Produkte verkosten. Ich glaube einfach daran: Wenn ich Produkte, in denen ich finanziell drinstecke, ehrlich bewerte, dann habe ich mehr Vertrauen, wenn ich bei anderen Sachen sage, dass die richtig geil sind.

Zum Abschluss gibt es ein Blind-Tasting-Duell, du gegen Theo, fünf Proben, quer durch das FMK-Sortiment. Wer gewinnt?

Kröger: Theo ist unglaublich stark. Theo gewinnt. Das Freimeister-Kollektiv ist sein Baby, da ist er fitter als ich. Wo ich gewinne, sind gereifte Spirituosen.

Und in welchen Kategorien hast Du Angst?

Kröger: Bei Bränden und Geisten ist Theo stärker als ich. Nicht falsch verstehen, das ist ein Gebiet, auf dem ich sehr stark bin, da bin ich selbstbewusst. Aber Theo ist einfach noch besser. Wenn wir dagegen alle Spirituosen-Kategorien in einen Pott schmeißen, inklusive Rum und Armagnac – das ist mein Game.

Über den Interviewten:

Nicolas Kröger ist Gründer der Rum-Marke Wagemut und einer der bekanntesten deutschsprachigen Spirituosen-Youtuber. Seit über zehn Jahren bringt er Rum auf den Markt. In Berlin war er zuvor unter anderem für das Rum Depot tätig. Seit Kurzem hält er 47 Prozent am Berliner Freimeister-Kollektiv, das Spirituosen kleiner Brennereien unter einer gemeinsamen Marke veröffentlicht. Kröger lebt und arbeitet in Wien.

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