Vor kurzem haben wir uns mit drei Abfüllung von Villa Zarri auseinander gesetzt und waren begeistert von den italienischen Brandys. In der Zwischenzeit hatten wir noch die Möglichkeit das Basisdestillat zu probieren und zusätzlich einige Fassproben zu verkosten. Heute soll es aber um zwei Liköre aus diesem Hause gehen: einen Kirsch- und ein Orangenlikör.
Brandy als Basis
Der Ruf von Villa Zarri beruht ursprünglich nicht auf Likören, sondern auf hochwertigen, lange gereiften italienischen Brandys. Dieser Hintergrund prägt auch die beiden Fruchtliköre entscheidend. Als Grundlage dient kein neutraler Alkohol, sondern ein etwa acht Jahre alter Brandy aus eigener Produktion. Dadurch wirken die Liköre weniger wie klassische Fruchtliköre, bei denen Alkohol lediglich als Träger der Aromen dient. Beide Liköre werden mit einem Alkoholgehalt von 40% abgefüllt.
Villa Zarri New Orange Brandy
Für den New Orange Brandy werden die Schalen werden direkt in dem acht Jahre gereiften Brandy mazeriert, was dem Likör von Beginn an mehr Tiefe verleiht als eine Aromatisierung auf Basis von Neutralalkohol.
Nach der Mazeration wird ein Teil des Ansatzes in Kupferbrennblasen erneut destilliert. Dabei werden vor allem die feinsten und flüchtigsten Aromastoffe der Orangenschalen eingefangen und mit den leichteren Noten des Brandys verbunden. Schwerere, harzige oder stark bittere Bestandteile bleiben dagegen zurück. Anschließend werden die destillierten und die nicht destillierten Anteile wieder miteinander vermählt. Zum Abschluss wird der Likör gesüßt.
Aromatisch entsteht eine ausgewogene Kombination aus einer klaren und frischen Zitrusaromatik, wie ich sie bisher bei keinem Orangenlikör gefunden habe. Die Tiefe des Brandys unterstützt die Orangenaromatik sehr schön. Die Süße sorgt zwar für eine angenehme Rundung und macht den Likör sehr zugänglich, fällt nach meinem Geschmack beim puren Genuss jedoch etwas zu deutlich aus. Im Drink fällt die ausgeprägtere und klarere Orangennote, im Vergleich zum Ferrand Dry Curacao und dem Grand Marnier, auf. Ich habe in weiteren Tests den gewohnten Anteil reduziert. Der New Orange wird den Ferrand in meiner Hausbar ersetzen.
Villa Zarri Cherry Brandy
Der Villa Zarri Cherry folgt dem gleichen Herstellungsprinzip. Ausgangspunkt sind vollreife Kirschen, vermutlich mit einem gewissen Anteil säurebetonter Sorten. Es spielt nicht nur das Fruchtfleisch eine Rolle, sondern auch der Kirschkern. Er liefert die Mandel- und Marzipannoten.
Die Kirschen werden direkt im gereiften Brandy mazeriert, sodass sich Fruchtaromen, Kernnoten und die Aromen des Weinbrands von Anfang an miteinander verbinden. Wie beim New Orange wird anschließend ein Teil des Mazerats destilliert. Auch hier werden anschließend die Anteile miteinander vermählt. Die abschließende Süßung bleibt angenehm zurückhaltend.
Der Villa Zarri Cherry bietet ein komplexes Aromenspiel aus Kirschnoten, etwas Fruchtsäure, dezenten Bittermandelanklängen und den würzigen, oxidativen Nuancen des gereiften Brandys. Die Fruchtigkeit erinnert an eingekochte Kirschen und dunkle Trockenfrüchte. Anders als beim New Orange steht die Frucht nicht im Vordergrund sondern begleitet die kräftigen Brandy-Aromen. Der Likör wirkt weder überladen noch schwer. Stilistisch bewegt er sich zwischen klassischem Fruchtlikör und Kirschwasser, ohne sich eindeutig einer der beiden Kategorien zuordnen zu lassen.
Wer ihn in Drinks ausprobieren möchte muss die Rezepte definitiv umstellen und neu denken. Der Villa Zarri veränderte die Aromatik im Professor Langnickel Cocktail deutlich.
Fazit
Betrachtet man den Villa Zarri New Orange und den Villa Zarri Cherry im Gesamtbild, wird deutlich, dass hochwertige Likörherstellung weit mehr sein kann als das bloße Zusammenspiel von Alkohol, Zucker und Fruchtaromen. Die Basis bildet hier kein neutraler Alkohol, sondern ein gereifter Brandy, dessen Charakter beide Abfüllungen maßgeblich prägt. Durch die Kombination aus Mazeration und teilweiser Destillation entstehen keine gewöhnlichen Fruchtliköre, sondern eigenständige Produkte mit bemerkenswerter Tiefe und Komplexität. Die Frucht dient dabei nicht nur als Aromengeber, sondern wird in ein bereits ausgereiftes Destillat integriert und erweitert dessen geschmackliches Spektrum auf überzeugende Weise.
Der New Orange hat mich dabei besonders im Cocktail überzeugt. Wie bereits erwähnt, hat er sich auf Anhieb einen festen Platz in meiner Hausbar gesichert. Seine intensive, natürliche Orangenaromatik verleiht Drinks eine intensivere und hebt sie spürbar über das Niveau anderer Orangenliköre hinaus.
Im puren Genuss hat mich dagegen der Villa Zarri Cherry Brandy am meisten beeindruckt. Die Verbindung aus reifer Frucht, feinen Mandelnoten und der Komplexität des Brandys unterscheidet ihn deutlich von dem, was viele Barkeeper oder Genießer üblicherweise mit einem Kirschlikör verbinden. Wer ihn in der Mixologie einsetzen möchte, sollte ihn daher weniger als klassischen Likör, sondern vielmehr als eigenständige Spirituose betrachten.
Ich bin daher sehr gespannt, was in Zukunft noch aus dem Hause Villa Zarri zu erwarten ist. Insbesondere die bislang verkosteten Single-Cask-Proben lassen aufhorchen und machen Lust auf mehr. Nach allem, was derzeit zu hören ist, könnte sogar noch in diesem Jahr die erste offizielle Single-Cask-Abfüllung erscheinen.
Cheers!