Das Pils-Problem

Der deutsche Biermarkt bricht ein wie seit 75 Jahren nicht mehr. Die Branche reagiert mit neuen Etiketten und alkoholfreien Varianten. Nur: Das Problem sitzt tiefer.
Neues Design bei Störtebeker Brauerei

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Die Kneipe um die Ecke hat montags und dienstags zu, und der Biergarten ist auch im Hochsommer nicht mehr so voll wie früher. Wer aufmerksam durchs Land geht, sieht die Zeichen. Der deutsche Biermarkt schrumpft – und zwar dramatisch.

2025 ist der Absatz um mehr als sechs Prozent eingebrochen, berichten Branchenmedien. Das klingt abstrakt, ist aber der größte Rückgang seit 75 Jahren. Allein im November tranken die Deutschen 8,2 Prozent weniger Bier als im Vorjahr. Hochgerechnet aufs ganze Jahr sind das rund fünf Millionen Hektoliter – ungefähr so viel, wie mehrere Großbrauereien zusammen produzieren. Einfach weg.

Innerhalb von 15 Jahren hat die Branche ein Viertel ihres Absatzes verloren. Das ist kein vorübergehendes Tief mehr. Das ist ein fundamentaler Wandel.

Wenn selbst die Älteste wackelt

Jetzt hat es zwei traditionsreiche Marken erwischt: Die Brauerei Schneider Weisse übernimmt die Marken Bischofshof und Weltenburger. Die Braustätte in Regensburg wird Ende 2026 geschlossen, 56 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs. Gerettet wird nur die Klosterbrauerei Weltenburg – angeblich die älteste der Welt, seit 1050 wird dort gebraut – sowie die Logistikabteilung.

Till Hedrich, der Geschäftsführer, sagt es unverblümt: “Auf uns alleine gestellt, war ein wirtschaftlicher Weiterbetrieb nicht mehr möglich.” Punkt. Keine Ausflüchte, keine Nebenschauplätze. Der Markt gibt es nicht mehr her.

Für die Beschäftigten sollen “sozialverträgliche Lösungen” gefunden werden – ein Satz, den man immer dann hört, wenn es keine guten Nachrichten gibt. Man werde versuchen, die Leute in anderen Unternehmen der Getränkebranche unterzubringen.

Über den Kaufpreis schweigen beide Seiten. Das tun Unternehmen üblicherweise dann, wenn die Zahlen nicht besonders gut aussehen.

Warum die Leute weniger trinken

Die Gründe liegen auf der Hand: Deutschland altert, und ältere Menschen trinken weniger Bier. Die Jüngeren sowieso – Alkohol ist bei vielen schlicht nicht mehr angesagt. Gesundheitsbewusstsein, Fitnesstrends, Instagram-Ästhetik – all das spielt gegen das gute alte Feierabendbier.

Dazu kommt die miese wirtschaftliche Stimmung der letzten Jahre. Wer unsicher ist, ob der Job sicher bleibt, geht seltener essen und trinken. Etwa ein Fünftel des Bierkonsums findet in der Gastronomie statt – und dort läuft es nicht gerade prächtig.

Sehr viele Faktoren spielten beim sinkenden Bierabsatz eine Rolle. Die Abkehr vom Alkohol betreffe die Wein- und Spirituosenbranche sogar noch härter. Auch die Teillegalisierung von Cannabis und der Boom bei Abnehmspritzen könnten eine Rolle spielen.

Kurz gesagt: Die Konkurrenz um die knappe Ressource “menschlicher Konsum” wird härter.

Alkoholfrei als Rettungsanker?

Die Branche reagiert, wie Branchen eben reagieren: mit neuen Produkten. Veltins bringt ein alkoholfreies Hellbier, Krombacher wirbt verstärkt für seine Null-Prozent-Varianten, Störtebeker aus Stralsund hat gerade seine gesamte Marke einem Relaunch unterzogen. Alkoholfreie Biere werden deutlicher herausgestellt, erkennbar an weißen Kronkorken und Etiketten.

In vielen Fällen kommen alkoholfreie Varianten zum normalen Bier hinzu. Aber: Der Platz im Supermarktregal ist begrenzt. Was mehr Alkoholfrei bedeutet, heißt zwangsläufig weniger von etwas anderem. Weizenbiere, Exportbiere, Spezialitäten – sie alle könnten an Präsenz verlieren.

Der Preiskampf läuft

Viele große Brauereien haben im Herbst die Preise erhöht – teils um einen Euro pro Kasten. Gleichzeitig nutzt der Handel die Überkapazitäten der Branche gnadenlos aus: Aktionsangebote, Sonderpreise, Rabattschlachten. Gerade bei Pils, der beliebtesten Sorte, greifen Verbraucher bevorzugt zu, wenn es günstig ist.

Das zeigt, wer in diesem Markt die Macht hat: nicht die Brauereien.

„Es ist eine neue Realität, in der sich die Brauer befinden“, sagt der Herausgeber des Getränkemarkt-Fachmagazins „Inside“, Niklas Other.

Eine weitere Konsolidierung ist unvermeidlich. Angesichts der nötigen Investitionen ist absehbar, dass einige Braustandorte auf der Strecke bleiben werden.

Das klingt hart, ist aber realistisch. In einem schrumpfenden Markt reicht Tradition allein nicht. Wer überleben will, braucht entweder Größe, um Kosten zu senken, oder eine außergewöhnlich starke Marke, um höhere Preise durchzusetzen. Am besten beides. Für alle anderen wird es eng – egal, wie gut das Bier schmeckt oder wie lange die Geschichte zurückreicht.

Die deutsche Bierbranche erlebt gerade ihre eigene Version dessen, was andere Branchen schon hinter sich haben: Zeitungsverlage, Einzelhandel, Automobilzulieferer. Die Liste ist lang. Märkte schrumpfen, Überkapazitäten werden abgebaut, Unternehmen verschwinden oder werden übernommen.

In Deutschland gibt es nur noch rund ein Dutzend echte Klosterbrauereien. Dass ausgerechnet die älteste überleben konnte, ist ein kleiner Trost.

Die Branche wird weitermachen, keine Frage. Es wird weiterhin gutes Bier geben, vielleicht sogar mehr Vielfalt als heute. Aber es werden weniger Brauereien sein, größere Einheiten, effizientere Strukturen. Und deutlich weniger Arbeitsplätze.

Das ist das Gesetz schrumpfender Märkte: Jemand muss gehen. Meist sind es die Kleinen. Manchmal auch die mit der längsten Geschichte.

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