Zwischen Michelin-Stern und Bauernobstler: Eine Reise von Ulm bis Bamberg

Sterneküche in Ulm, Messetrubel in Nürnberg, Obstbrand in Pretzfeld und ein letzter Drink in Bamberg: Vier Tage unterwegs zwischen High-End-Genuss und fränkischer Bodenständigkeit.

Inhaltsverzeichnis

Hendrik und ich kennen uns. Wir kennen vor allem unsere Schwächen, wenn es um Messen geht. Die “The Village” in Nürnberg stand auf dem Programm – eine riesige Whisky-Rum-Messe mit 14.000 Besuchern. Und wer solche Messen kennt, weiß: Das Wochenende beginnt mit guten Vorsätzen und endet in einer diffusen Mischung aus Aftershow-Partys, verkaterten Samstagen und dem vagen Gefühl, sich den Sonntag eigentlich sparen zu können. Denn meist geben wir schon am Vorabend (zu viel) Gas, wie zuletzt etwa in Stuttgart zum 3. Armagnac Festival geschehen (hier gibt’s den Reisebericht).

Also beschlossen wir, uns vorher kulturell zu verhalten. Fine Dining in Ulm, bevor wir uns endgültig der 160 Kilometer entfernten Messe hingeben. Ein Sternerestaurant als prophylaktische Maßnahme gegen den eigenen Lebenswandel, sozusagen. Also machten wir einen Umweg. Von Hamburg und Halle aus, jeder in seinem Zug, trafen wir uns in Ulm.

Das Ziel: Bi:braud von Alina Meissner-Bebrout, seit 2023 mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet. Ich hatte Alina vor einiger Zeit interviewt und fand sie sofort sympathisch: eine Köchin, die mit Mitte Zwanzig ein winziges Lokal übernahm und daraus – in einer Küche von acht Quadratmetern – eine der präzisesten Adressen der deutschen Sterneküche machte. Für Hendrik war es eine Premiere: sein erstes Sternerestaurant überhaupt. Ich hatte es ihm zum Geburtstag geschenkt, und jetzt lösten wir das endlich ein.

Ulm im Februar: Kälte, Klarheit, Kontraste

Ulm empfing uns kalt und klar, wie es der Februar so tut. Wir schlenderten durch die Altstadt – ein seltenes Schauspiel, denn Hendrik und ich teilen normalerweise nur Bars und Messestände, keine Sightseeing-Touren. Aber das Münster musste sein. Kurz rein, staunen, wieder raus. Ehrfurcht vor der Architektur, aber auch vor der Tatsache, dass wir es wirklich geschafft hatten, uns kulturell zu benehmen.

Dann stolperten wir über die Rosebottel Limonadenmanufaktur in der Herrenkellergasse. Hariolf Sproll, der Mann hinter der legendären Rosebottel Bar, stellt dort seine eigenen Tonic-Essenzen, Wermutbitter und Limonaden her – alles in Handarbeit, in nostalgischen Apothekerflaschen. Für uns perfekt, um die Zeit bis zum Dinner rumzukriegen und gleichzeitig was Neues zu entdecken. Hendrik schnappte sich eine Flasche als Souvenir.

17.30 Uhr im Bi:braud: Klein, aber oho

Ein früher Tisch ist Gold wert, wenn man nach zweieinhalb Stunden Menü noch was vorhaben will. Das Bi:braud liegt etwas versteckt in der Büchsengasse. Man sitzt fast direkt an der Küche, kann zusehen, wie Alina und ihr Team (mittlerweile mit Tim Ostertag an der Doppelspitze) auf acht Quadratmetern arbeiten. Es ist niedlich. Aber nicht im Sinne von “ach, wie süß”, sondern im Sinne von: Wie schaffen die das hier eigentlich, eine solche Qualität auf so engem Raum abzuliefern?

Ich hatte die vegetarische Variante gewählt, Hendrik die mit allem – wobei er kurz zögerte, weil er keinen Fisch isst. Dann kam ein Saibling, und plötzlich war die Welt wieder in Ordnung. Was ich besonders mochte: Alinas Küche ist klar strukturiert, nicht verspielt-überladen. Regional gedacht, aber international inspiriert.

Jeder Gang hatte ein, zwei Aromen im Fokus, dazu schöne Kontraste. Cremig gegen knusprig. Sauerkraut mit Meerrettich – klingt erstmal unspektakulär, schmeckt aber großartig. Die Texturen wechselten sich ab, nichts war zu viel, alles saß. Häufig gab es exotische Zutaten wie Kokos, Kalamansi oder Koji, die auf regionale Zutaten trafen. Mein Highlight war Toast mit Trüffel vom Gruß aus der Küche und die Artischocke mit Radicchio und Walnuss. Der Service war exzellent, freundlich und nie aufdringlich.

Hendrik war nach wenigen Gängen überzeugt, dass Sternerestaurants kein Paralleluniversum sind, sondern einfach gutes Essen – nur konsequenter gedacht.

Wein, Obstler und der zweite Durchgang

Wir wählte beide die Weinbegleitung – wenn schon Sterne-Feeling, dann richtig: Der Opener war ein 2020er Battenfeld-Spanier Riesling Reserve vom Kalkstein – kühl, mit Noten von grüner Aprikose und Grapefruit. Ein Wein mit toller Geschichte aus Rheinhessen, der sofort Lust auf den Abend machte. Später folgten unter anderem ein 2023er Fulcro A Cesteira Albariño aus Galicien und ein 2019er Sgarzon Teroldego von Foradori. Alles stimmig.

Als der zweite Durchgang im Restaurant kam – neue Gäste, neue Energie –, wurde der Abend nicht beendet, sondern verlagert. Wir wechselten an den Tresen und gingen in die flüssige Verlängerung. Dort warteten Obstbrände: ein Pflaumenbrand 2018 und ein Williamsbirnenbrand 2021 von Kaepler, dazu noch Obstler von Stilvoll und ein Jahrgangs-Chartreuse.

Ehrlich gesagt hätte ich mir bei der Fülle an hervorragenden Obstbrennern in der Region noch ein bisschen mehr Auswahl gewünscht – Feller ist quasi ums Eck (hier findet ihr einen Test der meisten Feller-Obstler), die Brennerei Haas nicht weit. Aber gut, wir waren ja nicht nur zum Trinken hier.

Dann zum Abschluss noch ein Negroni, der direkt mit Orange infused serviert wurde. War sehr gut. Ein kurzes Abschluss-Foto mit der Chefin und dann ging es weiter.

Bar zum Goldenen Bock: Der Ausklang

Wir waren in Ulm, wir hatten noch Zeit bzw. keine Lust ins Bett zu gehen. Also fragten wir nach einer Empfehlung. Mehrfach fiel der Name Bar zum Goldenen Bock, fußläufig vom Bi:braùd – wie eigentlich alles in Ulm.

Dort hatte ich einen Carajillo Mexicano, Hendrik etwas Kräuteriges. Zwei Drinks, dann war gut. Am nächsten Tag stand Nürnberg auf dem Programm, und wir ahnten schon, dass die Deutsche Bahn uns keinen Gefallen tun würde.

Spoiler: Tat sie nicht.

Die Deutsche Bahn macht, was sie am besten kann

Samstagmorgen, Bahnhof in Ulm. Unser Zug nach Nürnberg? Fährt nicht. Der nächste? Auch nicht. Wir standen da, Koffer in der Hand, und schauten auf die Handydisplay und Anzeigetafeln, als würde sie uns gleich die Lösung des Problems verraten. Taten sie nicht. Also machten wir das einzig Richtige: Wir stiegen einfach in den nächsten Zug nach München.

Ob unser Ticket das erlaubte? Unklar.
Ob wir uns sicher waren? Nein.
Ob es am Ende funktioniert hat? Ja.

Manchmal ist Reisen vor allem eine Frage der Haltung.

Von München ging es dann weiter nach Nürnberg – mit leicht erweitertem Streckenprofil, aber immerhin angekommen. Am Ziel angekommen, waren wir ein bisschen müder als geplant. Früh raus, Bahntheater, länger unterwegs als gedacht – auch wenn wir uns mit dem Fine Dining in Ulm schon ein bisschen entschärft hatten. Koffer ins Hotel geworfen und ab auf die The Village.

The Village: Voll, laut, beeindruckend

Wir dachten, wir wären auf Messen abgehärtet. Hanse Spirit in Hamburg, Bottle Market in Bremen, Tarona Whisky Messe in Erfurt, Bar Convent in Berlin – alles schon gesehen. Aber The Village? Das war nochmal eine andere Hausnummer. Über 14.000 Besucher, 200 Aussteller, mehr als 3.000 Whiskys und Spirituosen. Für eine Publikumsmesse war das schon wirklich fett. Und entsprechend laut. Und voll.

Wir sind losgegangen, haben viel probiert, alte Bekannte getroffen: Fabian und Nina aus Düsseldorf, Sebastian Jäger, Markus Faisst, die Jungs von Kirsch. Thomas Weinberger von Lantenhammer und Sild war auch da, mit dem haben wir viel geschnackt. Marcus Wolff hat uns ein paar sehr feine Abfüllungen ins Glas gegeben. Mehr dazu könnt ihr demnächst in unserem ausführlichen The-Village-Artikel lesen

Zwei Dinge fand ich allerdings nicht optimal. Erstens: die Essen-Situation. Samstag musste man überall mindestens 30 Minuten für Pommes anstehen. Das war echt schwierig, vor allem für Hendrik, der morgens noch über mein “übertriebenes” Frühstück gelacht hatte und jetzt merkte, dass er zu wenig gegessen hatte.

Zweitens: Es gab viel zu wenig Wasserspender und Stationen, um Proben wegzugießen, die man nicht austrinken wollte. Mitunter waren da Sachen mit an die 80 Volumenprozent und extrem hohen Esteranteilen unterwegs – da weiß man genau, dass die schnell in den Kopf steigen. Manchmal will man ja nur nippen und dann weggießen. Das fand ich zum Beispiel beim German Rum Festival oder beim Bar Convent besser gelöst. Da stehen überall Kühlschränke mit Wasser oder kleine Wasserstationen herum. Hier gab es nur einen zentralen Wasserspender, soweit ich das gesehen habe. Angesichts der Menge an Alkohol, die da getrunken wird, fand ich das schwierig.

Aber insgesamt: eine wirklich tolle Messe, hat viel Spaß gemacht.

Christkindlmarkt, Schaufele und Barhopping

Am Abend haben wir die Messe früher verlassen und sind noch auf einen Christkindelmarkt in Nürnberg gegangen. Hendrik hatte ein Schäufele, das ihn gefühlt wieder direkt auf Vordermann brachte.

Dann überlegten wir: Bars. Natürlich. Erste Station: Das Gelbe Haus in der Johannisstraße. Eine Nürnberger Institution, seit 1989 aktiv, zwar umgezogen, aber immer noch da. Klassische Cocktailbar, Kolonialstil, Bar-Katze Emma (die uns leider keine Audienz gewährte), und ein Team, das weiß, was es tut. Oliver Kirschner, der Inhaber, ist eine Koryphäe in der deutschen Barszene, vor allem bei Whisky. Wir haben dort einen Drink genommen, wollten uns einfach mal die Bar anschauen. Schön war’s.

Dann sind wir in die Blume von Hawaii gegangen. Kirsch Import hatte dort ein Bar-Takeover gemacht, und wir wollten die Bar sowieso immer mal sehen. Das Ambiente dort fand ich sehr schön: Bambus, Hawaii-Hemden, Tiki-Masken, alles wie man es sich vorstellt. Kirsch hatte viele ihrer Messe-Aussteller dabei, unter anderem Annabel Thomas, die Gründerin von Nc’Nean. Ich hatte einen übertrieben angerichteten Pink Mai Tai, insgesamt schmeckten die Tiki-Drinks aber alle recht ähnlich. Aber schön, dass auch der Besuch dieser Bar nun von der Bucketlist gestrichen werden kann.

Sonntag: Plan durchgezogen

Sonntags sind wir wieder auf die Messe, diesmal mit Plan: Was wollen wir sehen, wen wollen wir sprechen, was wollen wir probieren. Und wir haben den Plan durchgezogen. Ein paar schöne Interviews gemacht, schöne Sachen probiert, auch Leute kennengelernt, die wir sonst nicht sehen. Könnt ihr euch drauf freuen in den nächsten Wochen.

Dann haben wir noch Instagram-Kollegin Karin getroffen und sind mit ihr ein bisschen über die Messe geschlendert, haben auch mal Portweine probiert und ein paar andere Dinge, damit man nicht den ganzen Tag nur Whisky und Bourbon schlürft.

Abends sind wir noch auf einen Drink ins Herrengedeck gegangen – eine schöne Bar in der Schlotfegergasse, gemütlich, gutes Handwerk, nettes Team. Die Menükarte wird als Schallplatte gereicht. Ein Drink, keine Eskalation. Denn wir waren doch echt müde von dem Wochenende und sind dann früh schlafen gegangen. Am Montag stand nämlich Bamberg auf dem Programm.

Montag: Bus, Landstraße – und die Seele des Obstbrands

Frühstück. Regionalbahn. Dann mit dem Bus raus nach Pretzfeld in die Fränkische Schweiz, zur Edelbrennerei Haas. Seit 1901 im Familienbesitz, mittlerweile in der fünften Generation, und eine der bekannten Adressen für Obstbrände in der Region.

Und dann: Obstbrand. Sehr viel Obstbrand.

Wir kamen an, und es war genau so, wie man sich eine Familien-Edelbrennerei vorstellt: ein kleiner Showroom mit allen Flaschen zum Probieren, der Hund streunt herum, draußen steht schon die Maische für den nächsten Durchlauf, und die Oma kocht nebenan. Der Sohn übernimmt gerade das Ruder und bringt neue Ideen mit – einen Chili-Kirschlikör etwa, oder einen Himbeer-Sahne-Likör, Sachen, die auch auf Instagram funktionieren. Die Tochter kümmert sich um Marketing und Etiketten.

Wir haben mit Johannes Haas, dem Senior, gesprochen. Zweieinhalb Stunden, sehr ausführlich, sehr offen. Wir haben bestimmt 15 Sachen probiert: Eierlikör, fassgelagerte Brände, Mirabellen, Zwetschgen, Birnen. Es war ein schönes Fachsimpel-Level. Johann hat sehr offen Einblicke gegeben – in die Philosophie des Hauses, wie er den Markt sieht, wie sich die Branche verändert, über Preise, über Differenzierungsmerkmale. Das könnt ihr demnächst alles ausführlich bei uns lesen.

Ich habe kurz die Destille angeschaut, sehr kalt da drin, aber das gehört dazu. Johann hat erzählt, dass viel in den Streuobstwiesen drum herum wächst. Wir haben das jetzt im Februar nicht so gesehen, aber Pretzfeld ist ein sehr kleines, niedliches Örtchen, ein Bach fließt hindurch, sehr idyllisch.

Dann sind wir zurück mit dem Zug und weiter nach Bamberg.

Bamberg: Vom Spaziergang zum Schwarzen Schaf

In Bamberg haben wir in einer alten Mühle übernachtet, an der Schranne, in der Nähe vom Schwarzen Schaf – der Bar von Sven Goller. Ich kenne Sven seit 2018, wir sehen uns auf vielen Messen und Gastschichten, tauschen uns immer wieder mal aus. Ich habe ihn auch schon mal im Stern porträtiert, und er hat uns oft eingeladen: “Kommt mal vorbei.” Jetzt haben wir es endlich geschafft. Wir haben das Hotel nicht in der Nähe vom Bahnhof gesucht, sondern direkt an der Bar. Das Ganze also vom Ende her gedacht.

Tolles großes Zimmer im Hotel Molitor, ein schönes kleines Boutiquehotel. Dann haben wir einen Spaziergang durch Bamberg gemacht – und waren überrascht, wie viele Teeläden, Schokoladenläden und Hutläden es gibt. Generell wenig Leerstand, sehr niedliche Stadt. Die Essenskultur: der ganze Mix. Bratkartoffeln, Klöße, Schwammerl, Schäufele, alles drin.

Und wir haben unser erstes Rauchbier getrunken. Wahrscheinlich wird es auch unser letztes sein. Hat uns nicht so abgeholt. Wir hatten die Befürchtung, es schmeckt wie ein Bier, in dem man einen Aschenbecher ausgeleert hat. Alle haben uns vorher mehrfach versichert: “Das ist definitiv nicht so.” Spoiler: Gefühlt war es genau so. Vielleicht haben wir auch nur eine schlechte Sorte erwischt. Aber wir werden es nicht mehr herausfinden.

Schwarzes Schaf: Vier Stunden am Tresen

Gegen 19.30 Uhr sind wir ins Schwarze Schaf gegangen. Knappe vier Stunden saßen wir da, haben die Karte von vorne bis hinten durchgearbeitet. Wir haben über Drinks gesprochen, über Preise in Großstädten versus kleineren Städten, haben den alkoholfreien Tequila Almave von Lewis Hamilton getrunken und kollektiv für nicht gut befunden. Zum Abschluss noch ein paar Tequila-Shots, weil: Recherche.

Dann wollten wir eigentlich nach Hause, aber Hendrik wollte noch ein letztes Bier. Also noch einmal um die Ecke. Kleine Kneipe, die Galerie am Stephansberg. Stammpublikum. Keine Karte. Keine Inszenierung. Dafür Obstler. Aus Flaschen ohne Etikett. Vom Bauern ein paar Kilometer weiter.

Und damit schloss sich der Kreis dieses Trips auf eine Weise, die man nicht planen kann:

Freitag: Fine Dining im Sternerestaurant.
Montag: Selbstgebrannter Obstler in der Dorfkneipe.

Dazwischen: Messehallen, Tiki-Bars, Bahnchaos, Familienbetriebe, große Namen und kleine Entdeckungen.

Genau so fühlt sich diese Szene an. Und genau deshalb fahren wir immer wieder los.

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