Das Fass liegt zwanzig Meter tief. Das Salzwasser hat das Holz angefressen, die Oberfläche ist rau wie altes Treibgut. Für die Bergung brauchte Nicolas Petit Unterstützung vom Militär – ein Detail, das er beiläufig erwähnt, fast amüsiert, als wäre ein Rum, der auf dem Meeresboden reift, die natürlichste Sache der Welt.
Der Vagabond Spirits Offroad 3.2– ein Blend aus Rums von Frankreich, Cap Verde und Guadeloupe, fast ein Jahr lang zwanzig Meter unter der Meeresoberfläche gelagert, direkt im Fass – ist die ungewöhnlichste Abfüllung in Nicolas Petits Portfolio. Und gleichzeitig die beliebteste. „Soweit ich weiß, bin ich der Einzige, der Rum so lagert“, sagt er. „Die Geschichte ist natürlich stark. Aber das Produkt ist einzigartig.“ Es schmeckt wie ein Meer, das man trinken kann: salzig, maritim, dabei überraschend fruchtig und mundgefüllt – ohne Zuckerzusatz, 44 Prozent. „Ich hätte nicht gedacht, dass er so gut ankommt.“ Manchmal übertrifft das Experiment die Erwartung. Und er schiebt nach: „Das polarisiert. Entweder du liebst es. Oder du liebst es nicht.“
Nicolas Petit ist Gründer von Vagabond Spirits und das, was man im Englischen einen Independent Bottler nennt: Er kauft Destillate aus aller Welt, reift sie nach eigenen Vorstellungen, füllt sie ab und verkauft sie. Was ihn von den Hunderten anderen unabhängigen Abfüllern unterscheidet, die in den letzten Jahren auf denselben Markt gedrängt sind, ist weniger eine bestimmte Herkunft oder ein bevorzugtes Fasslager – es ist eine Haltung.
„Wenn ich keine Geschichte habe, bin ich nur eine Flasche unter vielen“, sagt Nicolas Petit, den wir auf der The Village in Nürnberg zum Gespräch getroffen haben. „Ich möchte meine Handschrift und meine Persönlichkeit mit jedem Produkt verbinden.“ Das klingt, wenn man es so liest, nach einem typischen Satz aus einem Marketingdeck. Aber im Gespräch klingt es anders: wie eine Überzeugung, die er sich erarbeitet hat.
Bei Vagabond Spirits beginnt die Geschichte mit der Entscheidung, welche Fässer er kauft, wie er sie weiterentwickelt und – in manchen Fällen – wie weit er bereit ist, für eine sensorische Idee zu gehen. Beim Jamaica 2005, einem New Yarmouth, entschied Nicolas sich für ein Finish in einem Virgin Maple Cask. Das Ahornholz galt als riskant: zu aktiv, zu viel Zucker, zu dominant. Der Preis für das Experiment? Achtzehn Prozent Angel’s Share in nur vier Monaten – fast ein Fünftel des Rums, schlicht verdampft.
„Ahorn ist extrem durstig. Das war mir klar. Das gehört zum Spiel.“ Im Glas, beim blinden Verkosten, würde niemand sagen: Ahorn. Man würde sagen: Struktur. Substanz. Und auch: Erlebnis. Und das, findet Nicolas, sei der Punkt. Der Rum bekommt durch das Finish eine zurückhaltende Süße – dort, wo er vorher trocken abbrach. Sieben Prozent Verlust hätten gereicht; achtzehn war der Preis, den das Holz verlangte. Er hat ihn bezahlt.
Silva: Eine Hommage an das Holz
Die bekannteste Produktlinie von Vagabond Spirits heißt Silva Collection. „Silva“ ist das lateinische Wort für Wald – und der Name ist Programm. Die Reihe vereint über 20 Jahre alte Rums, die in ausgewählten, oft ebenfalls alten Fässern weiterreifen, häufig in belgischen Eichen. „Nach über zwanzig Jahren im Fass ist das Holz ein zentraler Teil der Identität“, erklärt Nicolas Petit. „Mit dieser Serie wollte ich dem Holz Respekt zollen.“
Das Vorzeigeprojekt der Silva Collection ist ein Savanna aus dem Jahr 2003, destilliert auf der Insel Réunion, abgefüllt 2025 mit 61,3 Prozent – natürlich ohne zugesetzten Zucker. Sechzehn Jahre tropische Reifung, fünfeinhalb Jahre kontinentale Nachlagerung, vier Monate Finish im TDL-Fass: ein Lagerprofil, das allein schon wie eine Biografie wirkt. Beim RumX Community Award 2025 belegte er den dritten Platz in der Kategorie Beste Single Casks – und gehörte damit zu den meistbeachteten Abfüllungen des Jahres.
Nicolas Petit beschreibt den Weg dieser Abfüllung mit Präzision. Das Savanna-Destillat kam mit 68 Prozent Alkohol aus dem Fass – „beeindruckend, aber auch sehr aggressiv“. Er reduzierte es langsam, über einen Monat, im Edelstahltank. Mit einem großen Holzspatel rührte er regelmäßig von Hand. „Ich reduziere alte Rums immer leicht. Eine kleine Reduktion hilft dem Rum zu atmen. Er braucht Zeit, um weicher zu werden.“ Das Ergebnis ist ein Rum mit 21,5 Jahren Gesamtalter.
Das Design der Flasche greift Motive aus Miyazakis Anime Prinzessin Mononoke auf – der Geist des Waldes, das Holz als Symbol der Verbindung zwischen Natur und Reifung. Das Vagabond-Tierlogo? Es ist sein Sternzeichen, der Widder. „Ich bin stur“, sagt er trocken. „Das passt.“ Die zweite Silva-Abfüllung, der New Yarmouth 2005, trägt hingegen Porco-Rosso-Motive – ein Retro-Doppeldecker als Symbol für einen Vintage-Rum. Der Label-Name „East Air“ spielt mit einem Augenzwinkern auf das an, was Jamaika berühmt macht: Ester.
Kaffee, ohne Kaffee zu sein
Ein weiteres Projekt zeigt, dass Nicolas Petit bereit ist, weiter zu gehen als manch anderer. Für einen Melasse-Rum der Grays Distillery auf Mauritius – zunächst 51 Monate in stark ausgebrannten US-Char-5-Fässern gereift – suchte er nach einem Finish mit Tiefe, ohne fremde Aromen hinzuzufügen. Die Lösung war ein selbst entwickeltes Verfahren: Er ließ mit Rum getränkte Kaffeebohnen zehn Stunden lang unter einem leeren 120-Liter-Kastanienholzfass verglühen. Der Rauch und die Röststoffe zogen ins Holz – und von dort in den Rum.
„Ich will keinen Kaffeegeschmack im Rum. Sonst könnte ich einfach Bohnen hineinlegen. Ich wollte nur die Torrefaktion – diese geröstete, leicht rauchige Note.“ Ein Hauch von dem, was Kaffee ist, bevor er Kaffee wird. „Very Special Coffee Product“, steht auf dem Etikett, als kleines Augenzwinkern. Das Ergebnis ist subtil: keine Espressobombe, sondern eine trockene, warme Röstigkeit, die an dunkles Holz erinnert. Mit 46 Prozent zeigt sich der Rum zugänglich – ein Daily Rum, der seinen ungewöhnlichen Werdegang erst auf den zweiten Blick preisgibt.
Die Produkte von Vagabond Spirits sind nicht zufällig miteinander verbunden. Das TDL-Fass aus dem Jamaica-Experiment wurde später für das Savanna-Finish weiterverwendet. Der Guadeloupe-Rum der Bonne-Mère-Destillerie, nur drei Jahre alt, kam für zwei Monate in ein frisch entleertes Juraçon-Weinfass, mit Rückständen des Süßweins im Holz. Der Effekt ist eine tropische Fruchtexplosion, die kaum glauben lässt, dass der Rum so jung ist. Die Fässer wandern. Die Geschichten verzweigen sich.
Urlaub mit Erntearbeit: Rum aus Laos
Aber nicht alle Geschichten bei Vagabond beginnen im Fass. Manche beginnen schon auf dem Feld. Vor zwei Jahren reiste Nicolas Petit nach Laos – Urlaub, aber auch Arbeit. Ein Freund und dessen Bruder hatten dort am Mekong eine Destillerie aufgebaut, Made in Laos. Sie kamen im März, während der Ernte. Sie schnitten selbst Zuckerrohr, verarbeiteten es, fermentierten und destillierten.
„Nur wenige wissen, dass Zuckerrohr ursprünglich aus Asien stammt. Durch den Kolonialhandel gelangte es in die Karibik. Ein Rum aus Laos ist also in gewissem Sinne eine Rückkehr zu den Ursprüngen.“ Nicolas Petit brachte tausend Liter Destillat nach Frankreich, reduzierte auf 64 Prozent und ließ sechs Monate in Terrakotta ruhen – ein Verfahren, das er für alle seine White Rums verwendet. „Terrakotta beruhigt den Alkohol, ohne den reinen Charakter zu verändern.“ Im Glas findet man klare Vanille- und Toffee-Aromen, weich, fast elegant für seine Stärke.
Eins plus eins ergibt drei
Wer Nicolas Petit fragt, was einen wirklich guten Rum ausmacht, bekommt eine Erklärung über Addition. „Für mich bedeutet Komplexität, dass alles unterschiedlich ist: die Nase, der Geschmack im Mund und der Abgang. Jeder Teil erzählt eine eigene Geschichte. Eins plus eins ergibt dann drei – weil der Abgang das Ganze noch einmal größer macht als die Summe der einzelnen Eindrücke. Erst dann ist ein Rum wirklich komplex und reich.“
Bei ihm übernimmt nicht das Fass die Kontrolle – er tut es, durch kleine Eingriffe, durch Geduld, durch die Bereitschaft, auch einen Teil des Rums zu verlieren, wenn der Rest dadurch besser wird.
Der TDL Stargate – ein Blend aus 75 Prozent TDL 2006 und 25 Prozent TDL 2008 – ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Nicolas Petit kennt Trinidad Distillers Limited gut: schwer, rote Früchte, oft druckvoll. Dieser Blend überraschte ihn selbst. „Als ich ihn probiert habe, hatte ich dieses Bild im Kopf – wie ein Portal in ein anderes Universum von TDL.“ Aprikosen, gelbe Früchte, Melone statt roter Beeren. Das Etikett zeigt das Stargate-Portal. Die Logik ist dieselbe wie immer: nicht neue Herkunft, sondern eine neue Seite derselben Herkunft.
Dass Vagabond Spirits 2025 bei den RumX Community Awards zu den Top Ten der besten unabhängigen Abfüller weltweit gehörte, hat Nicolas Petit wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber nichts an seinem Denken verändert. Er plant weiter: eine Wine-Finish-Serie, bei der derselbe Basisrum in verschiedenen europäischen Süßweinfass-Typen reift – Juraçon, Saumur, Tokaj – um zu zeigen, wie ein Destillat seine Persönlichkeit je nach Fass verändert. „Nicht viele Rums. Ein Rum mit vielen Interpretationen.“
Das nächste Fass wartet bereits im Keller in Südfrankreich. Was seine Geschichte sein wird, weiß Nicolas Petit noch nicht. Er jagt nicht nach Alter. Er fragt sich, was ein Rum braucht — und was er noch nicht hat. Dann denkt er sich etwas aus. Manchmal ist das ein Ahornfass. Manchmal Kaffeerauch. Manchmal zwanzig Meter Ozean.
Cheers!