Es gibt Drinks, die sind Weltbürger. Und es gibt Drinks, die gehören irgendwohin wie der Wind zum Watt. Der Föhrer Manhattan ist so ein Fall. Auf der Insel Föhr heißt „Manhattan“ nicht Hochhaus, sondern Hausbar. Kein Chichi, kein Bartender-Ego, sondern: Flasche auf, Glas füllen, Kirsche rein. Willkommen.
Der Föhrer Manhattan ist nicht der strenge New Yorker mit Bitters und Haltungsschaden. Er ist die entspannte Inselversion. Equal Parts lautet die einfache Formel:
- Whiskey
- roter Wermut
- weißer Wermut (Bianco)
Drei Zutaten, gleiche Teile, fertig. Oft vorgemischt. Meist gut gekühlt. Und fast immer mit dieser roten Cocktailkirsche, die aussieht, als hätte sie nie etwas von Natürlichkeit gehört – was ihr niemand übelnimmt.
Das Ergebnis ist weicher, runder, zugänglicher als das Original. Mehr Aperitif als After-Work-Statement. Ein Drink, der sagt: Bleib noch.
Das Rezept (so schlicht, dass es fast schon frech ist)
Zutaten
- 4 cl Whiskey (Bourbon oder Canadian funktionieren besonders gut)
- 4 cl roter Wermut
- 4 cl weißer Wermut (Bianco)
- 1 Cocktailkirsche
Zubereitung
Entweder direkt aus der gut gekühlten Flasche ins Glas – oder klassisch gerührt und abgeseiht. Auf Föhr gewinnt meist Variante eins.
Warum ausgerechnet „Manhattan“?
Die Erklärung liegt weniger im Glas als in der Geschichte der Insel. Föhr war jahrzehntelang Auswandererland. Viele Föhrer gingen nach Amerika, viele nach New York. Manhattan war kein Mythos, sondern Adresse. Und so kam der Name zurück – nicht als exakte Rezeptkopie, sondern als Erinnerung.
Was auf der Insel daraus wurde, ist typisch norddeutsch-pragmatisch: Man nahm, was da war, machte es trinkbar für viele und bewahrte es im Kühlschrank auf. Der Manhattan als Vorrat. Als Gastgeber-Drink. Als Ritual.
Während anderswo wieder über „Batching“ diskutiert wird, steht der Föhrer Manhattan seit Jahrzehnten fertig gemixt im Kühlschrank. Kein Eis, kein Rühren, kein Stress. Einfach einschenken, wenn Besuch kommt (oder wenn keiner kommt).
- Farbe: Bronze bis Herbstgold
- Im Geschmack weich, trocken und fruchtig und im Finish langanhaltend, leicht würzig mit einer dezenten Süße
Aber welcher Whiskey? Welcher Wermut?
Die ehrliche Antwort: Der, der da ist.
Historisch tauchen oft Bourbon oder Canadian Whisky auf – mild, zugänglich, nicht zu dominant. Eine Flasche wie Woodford Reserve oder Maker’s Mark verleiht einen runden, karamelligen Geschmack, ohne den Wermut zu überdecken. Canadian Club 12 Jahre bietet sanfte Röstaromen und Fruchtnoten.
Weißer Vermouth (Bianco/Dry-Sweet): Empfehlenswert sind Martini Bianco oder Noilly Prat Ambre.
Roter Vermouth (Rosso/Süß): eine gute Wahl sind italienische Klassiker wie Martini Rosso, Cinzano Rosso oder hochwertigerer Vermouth wie Antica Formula.
Bitters? Kann man machen. Muss man nicht. Viele lassen ihn weg – und genau das macht den Drink so eigenständig.
- Eine 75 cL Flasche Noilly Prat Ambré Vermouth
- Hergestellt aus 13 verschiedenen Kräutern und Gewürzen aus aller Welt
Cocktailkirsche
Auf Föhr setzt man gerne auf „knallrote Chemie-Kirschen“. Für etwas gehobenen Geschmack wähle Maraschino-Kirschen, deren Restsüße und feine Säure das Ganze eleganter machen, auch wenn es nicht ganz dem Insel-Original entspricht.
Der klassische Manhattan ist whiskeybetonter, nutzt meist Rye und Bitters.
Der Föhrer Manhattan ist weicher, süßer und zugänglicher – dank Bianco-Wermut und Equal-Parts-Mix.
Nein. Viele traditionelle Föhrer Rezepte kommen ohne Bitters aus. Ein Dash schadet nicht – aber er ist kein Muss.
Ganz klassisch: eine knallrote Cocktailkirsche. Keine Manufakturware, kein Drama. Sie gehört einfach dazu.
Beides – und genau deshalb ist er so beliebt. Er funktioniert vor dem Essen genauso wie danach und fühlt sich nie fehl am Platz an.
Unbedingt. Aber ein bisschen Inselgefühl schadet nicht.
Schriftliche Rezepte sind rar – der Föhrer Manhattan ist gelebte Praxis, kein Barkartenklassiker. Zeitzeugen verorten ihn grob in der Nachkriegszeit, populär wurde er spätestens ab den 1960er-Jahren.
Letzte Aktualisierung am 19.01.2026 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API